Wer Schmetterlinge lachen hört..

Dabless Kewoulo und Embryo live auf dem kunstWerk Open Air in Augsburg – 19.Juli 2020 – Konzert-Review

Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken, der wird im Mondschein, ungestört, von Furcht die Nacht entdecken. Der wird zur Pflanze, wenn er will, zum Tier, zum Narr, zum Weisen,und kann in einer Stunde durchs ganze Weltall reisen…Novalis hat vor mehr als zwei Jahrhunderten gelebt…Dabless Kewoulo und Embryo leben heute…und für das Konzert von Dabless Kewoulo und Embryo in Augsburg am 19.Juli 2020 mag man schreiben…

Dichter Novalis – Text „Wer Schmetterlinge lachen hört…“ von der gleichnamigen Band Novalis aus dem Jahr 1973

Wer Instrumente klingen hört, der weiß, wie Musiker ticken, da wird im Sonnenschein ganz ungestört, kein Ton daran ersticken…

Was Dabless Kewoulo und Embryo gestern boten, war vom Sound so unverschämt gut, dass ich sicher die nächsten Tage, vielleicht sogar Wochen brauche, um das alles verarbeiten zu können. Einziger Kritikpunkt: Das Ende des Konzerts. Der Mondschein von Novalis hätte mich mit diesen Künstlern gerne die Nacht durchs ganze Weltall reisen lassen dürfen. Aber man muss in diesen verrückten Zeiten schon jede Sekunde eines Konzerts genießen und wertschätzen.

Dabless Kewoulo an der Akkustikgitarre

Gegen 19:35 Uhr beginnt Dabless Kewoulo an der Akkustikgitarre, und ehrlich, ich war zunächst skeptisch, weil ich sehr viele Akkustigitarrenkonzerte in meinem Leben gehört habe, die irgendwann abgenudelt, langweilig und einfältig wurden. Aber der aus dem Senegal kommende Musiker belehrt mich eines Besseren, holt stimmlich mit seiner Muttersprache Wolof alle Höhen und Tiefen aus der Brust, dass die Akkustikgitarre plötzlich ganz anders klingt. Die Akkorde wirken anders, alles kommt frisch daher…und…wer kann die Sprache Wolof? Ich nicht, vermutlich niemand von den hundert Zuhörern im Publikum. Aber mir scheint, jeder versteht den Text, weil man die Musik versteht. Das Publikum ist so gebannt, hört so andächtig zu, dass ich wieder einmal geneigt bin, zu behaupten, dass Musik die Weltsprache schlechthin ist. Und ich bin weiß Gott nicht der erste, der das behauptet. Zwischen den Stücken bedankt sich der überaus sympathische und in Ausburg lebende Musiker Dabless mehrmals beim Publikum und bei all den Menschen, die ihm geholfen haben, in Deutschland Fuß zu fassen. Ganz besonders gilt der Dank dem tollen Team vom GrandHotel Cosmopolis, das ich später noch kennenlernen durfte (…dazu gleich mehr…).

Dabless Kewoulo an der Gitarre – Bild: Christian Hanewinkel

Man sieht und hört mit jedem Atemzug, wie glücklich ihn Musik macht und wie wichtig es ihm ist, auch die Probleme in Senegal anzusprechen. Er zeigt mit Händen an, wie weit Senegal und Deutschland kulturell und politisch voneinander entfernt sind, aber er lacht dabei, und da ist mutmachende Hoffnung statt erschöpfende Resignation in seinem Gesicht. In vielen afrikanischen Kulturen werden Gesichter heute noch wie Bücher gelesen, und meine Interpretation seiner Mimik ist die, dass er an eine Veränderung dort glaubt. Die hohe Rate der Analphabeten im Senegal ist nach wie vor ein großes Problem. Damit sich Menschen dort an der Demokratie aktiver beteiligen können, braucht es radikale Bildungsreformen.

Im zweiten Teil hört man bei seinem Spiel dann frankophile Anklänge, was kein Wunder ist, kam das Land doch im Jahr 1891 unter die vollständige Kontrolle Frankreichs.Trotzdem bleibt Kewoulos Stil wohltuend eigenständig, was allein mit seiner außergewöhnlichen Stimme zu tun haben dürfte. Irgendwann schaut er erschrocken auf die Uhr, die hinter dem Publikum lauert, und fragt mit Blick auf die Embryo-Musiker ganz schüchtern, ob er noch ein Stück spielen dürfe. Menschen, die so warm mit ihrem Herz lächeln, schlägt man nichts ab.

Umbaupause – GrandHotel Cosmopolis

An dieser Stelle muss ich Kewoulos Ball kurz aufnehmen, weil ich dem Team um das GrandHotelCosmopolis danken möchte, nicht nur, weil sie das Konzert super organisiert haben, sondern weil sie mich später noch nach der After-Hour zum Hotel gebracht haben. Gerne hätte ich da genächtigt, aber leider gibt es dort derzeit noch Probleme, die Hygiene-Standards einzuhalten, was mit der besonderen Architektur zu tun hat.

Bildquelle: Homepage des Hotels https://grandhotel-cosmopolis.org/de/

Ich möchte aber jedem Augsburg-Reisenden dieses Hotel empfehlen, denn hier ist Einzigartiges passiert. Man hat ein leerstehdes Altenheim zu einer Flüchtlingsunterkunft umgebaut und zugleich 16 exklusive Hotelzimmer für Gäste gestaltet, sodass jeder Gast in den Genuss kommen kann, teilzuhaben an den interkulturellen Workshops und Lernwerkstätten. Das ist, soweit ich es im Vorfeld recherchieren konnte, einzigartig in Deutschland. Deswegen mache ich hier einmal Werbung…

Dabless Kewoulo und Embryo

Dabless legt die Akkustikgitarre beiseite und schnappt sich die Djembé, während sich die Band um Marja Burchard mit Maasl Maier, Jan Weißenfeldt, Sebastian Wolfgruber, Mohcine Ramdan warm macht. Die Wiedersehensfreude beseelt mich die ganze Hinfahrt, und zu meiner Überraschung treffe ich auch Eva Burchard vor Ort an, die nach Augsburg mitgereist ist. Ich habe sie zum letzten Mal am 03.August 2015 in Münster in der Frauenstrasse 24 gesehen, mein letztes Embryo-Konzert mit Christian. Eine noch größere Überraschung ist aber die, dass ich seit 1990 Embryo nicht mehr live mit einem Gembri-Spieler gesehen habe. Es hat zwischenzeitlich sicher viele Konzerte mit Gembri-Spielern gegeben, nur – ich war nicht dabei. Damals war es der Marokkaner El-Houssain Kili, jetzt Mohcine Ramdan, der auch viel mit Roman Bunka und Jisr spielt.

Nie einsaitig….Bildquelle: Christian Hanewinkel

Meine Vorfreude erfährt einen kurzen Schock, als bei Mohcine gleich eine Saite reist und die Band erst einmal ohne ihn auskommen muss. Aber einsaitig wird es ja nie bei der Band Embryo und Marja haut sofort lächelnd in die Tasten und herauskommt bei der Band ein Krautrock-Sound vom feinsten. Eine wahre Rocksession, für die Jan Weißenfeldt an der Gitarre sofort zu haben ist. Ich höre seine teils zappareske Spielweise besonders gern, weil er nie auf die Gitarre einprügelt, sondern ganz einfach und natürlich mit ihr spielt.

Besonders gespannt bin ich natürlich im Vorfeld auf Sebastian Wolfgruber gewesen, der mich und viele andere bereits beim ersten Gig mit Embryo am 15.Mai 2020 umgehauen hat. Sebastian hat da erst gegen Mittag erfahren, dass er für den verletzten Jakob Thun spielen solle, aber niemand hat etwas gemerkt und jeder hat da gedacht, der spielt schon Ewigkeiten bei Embryo. Nun gut, Ewigkeiten sind relativ für einen 27-jährigen Schlagzeuger, aber auch in Augsburg überzeugt mich Sebastian mit seinem einzigartigen Improvisationstalent. Der kann alle Genres aus dem Stegreif und hört genau zu, was läuft.

Diese Band, so wie sie da nun steht, hat noch nie zusammengespielt, was sicher an Dabless Kewoulo liegt, aber eben auch der jahrzehntelangen Philosophie der Band entspricht, die dem folgt, was einst Freund und Jazz-Legende Mal Waldron mal gesagt hat: „Spiel nie das, was ich schon kenne. Dann höre ich dir nicht mehr zu.“ Das Geheimnis der Band liegt auch darin, dass sich immer wieder extrem gute Instrumentalisten mit der gleichen Begeisterung für Musik zusammentun und alle gleichermaßen gespannt sind, was da im nächsten Moment abläuft. Nie wird irgendetwas langweilig abgespult, und die gerissene Saite der Gembri ist Beleg dafür, dass man eigentlich so nicht anfangen wollte und doch völlig cool anfängt, als wäre nichts passiert. Man geht ohne Gehabe an die Sache ran, Marja dirigiert von Zeit zu Zeit, feuert die Band enthusiastisch an, und wirklich alle einschließlich des Publikums werden von dieser puren Freude hineingezogen in die Musik.

Sascha Luer an der Sopran Sax – Bildquelle: Christian Hanewinkel

Nach zwanzig Minuten kommt dann Mohcine mit der geflickten Gembri zurück, und endlich höre ich meine geliebte Gembri und dazu noch einen Sänger, der einfach begnadet ist. Er singt auf Arabisch, stellt ein syrisches Stück vor, in dem es um die Schönheit von gebräunten Menschen geht. Anschließend kommt ein flottes Stück, bei dem die Bandmitglieder um Marja in typischem Ruf-Antwort-Gesang der Tuaregs den Groove unterfüttern. Plötzlich geht der Sound über in eine mir vertraute Melodie und eine nächste Überraschung wartet auf mich. „Get along withasong“ aus dem Jahr 1977 wird gespielt, natürlich etwas verändert, aber mit einem schlagenden Rhythmus, der mich völlig aus der Fassung bringt. Ich hatte die CD (Live Vlotho 1977) erst zwei Jahre zuvor auf dem Loreley-Festival erworben und finde es eines der besten Stücke von Embryo…aber diese Live-Version in Augsburg ist der Hammer.

Mohcine an der Gembri – Bildquelle: Christian Hanewinkel

Und dann legt die Band noch einen drauf, in dem sie (vielleicht erstmals?) ein Stück vom neuen Album, das im November erscheinen soll, live spielt. Es heißt „Januar“ und es ist natürlich dem Vater Christian gewidmet, der am 17.Januar 2018 verstarb. Marja hat es extra für ihn komponiert, und ehrlich, das Stück ist der Höhepunkt des Abends für mich. Ich habe so einen guten Sound noch nie gehört. Als ich später erfahre, dass es Part II des Stückes gewesen sei, schlägt mein Herz höher, weil es dann auch Part I geben muss, obgleich man bei Embryo nie weiß. Ich bin jedenfalls überzeugt davon, dass es von diesem Stück Part 1 bis 1000 geben muss, auch wenn ich vermutlich von Mal Waldron da oben später Nackenschläge für diese Aussage kriegen werde. Aber dieses Stück muss das Solar Music von Embryo werden.

Zur Mitte des Konzerts, das muss erwähnt sein, gesellt sich noch Sascha Luer an Sopran-Sax, Sax und der Trompete zur Band dazu. Er muss wohl zuvor in Augsburg irgendwo falsch abgebogen sein. Jedenfalls darf ich Saschas virtuoses Spiel nun endlich auch zum ersten Mal live hören.

Coverbild der 1996 erschienenen Platte Ni Hau

Fazit: Ein wunderschöner Abend mit vielen netten Menschen und der Band. Ganz besonders war die Begegnung mit Ingrid aus Wiesbaden, die das wundervolle Cover von Embryos Platte Ni Hau (1996) gemalt hat. Das Cover ist nur ein Ausschnitt aus dem 20m ² großen Original-Bild. Wahnsinn.

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