Die 70er im Fadenkreuz der RAF

Die RAF-Terrorgruppe (Rote Armee Fraktion) um Brigitte Mohnhaupt, Rolf Heißler, Andreas Baader und Alois Aschenbrenner wohnen 1972 zwei Etagen unter der zweiten Embryo-Kommune in der Metzstraße 15 in München. Baader ist auf der Flucht, wohnt daher nicht wirklich da, taucht nur von Zeit zu Zeit hier unter. Er ist zuvor 1968 wegen diverser Kaufhaus-Brandstiftungen in Frankfurt verurteilt worden und kommt aufgrund eines Revisionsantrags zunächst wieder frei, tritt dann seine Haftstrafe nicht an und verschwindet nach Paris, um schließlich wieder nach Deutschland zurückzukehren. Ein V-Mann namens „S-Bahn-Peter“ verrät ihn und seine Mitstreiterin Gudrun Ensslin, als beide in Berlin auf einem Friedhof in Alt-Buckow nach versteckten Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg haben graben lassen.  Nach einer fingierten Verkehrskontrolle der Polizei werden sie am 4. April 1970 festgenommen und bereits am 14. Mai 1970 durch Ulrike Meinhof und anderen unter Einsatz von Waffengewalt befreit.

Amon Düül II-Legende Chris Karrer, der in den 80ern und zu Beginn der 90er bei Embryo spielte / Bild: Embryo

„Einmal“, so erzählt Chris Karrer vor dem Embryo-Konzert in Beelen 1992, „ist Andreas Baader plötzlich in der Amon Düül-Kommune in München aufgetaucht. Er hat den ganzen Kühlschrank leergefressen. Er war da schon deutschlandweit gesucht, und wir wollten ihn nur so schnell wie möglich wieder loswerden.“ Dieter Serfas erinnert sich dagegen etwas anders: „Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Torwald Proll sind tatsächlich bei uns, der Amon Düül Kommune in Herrsching am Ammersee, aufgetaucht. Die Band hatte an diesem Abend allerdings einen Auftritt, war also nicht da, nur ich war zuhause, weil ich mich gerade von der Band getrennt hatte, und Wolfgang Dorsch. Die „Baaders“, damals als „Kaufhausbrandstifter“ gesucht, haben sich ins Zimmer von Schlagzeuger Peter Leopold zurückgezogen. Im Laufe des Abends hörte ich plötzlich, dass da jemand aus dem Fenster Schüsse abfeuert. Ich dachte mir, gehst mal rüber, die hetzen uns ja die Polizei auf den Hals. Als ich die Zimmertür öffne, sehe ich, wie Baader besoffen an der Wand lehnt, die Pistole baumelte an seinem Zeigefinger, und er torkelte auf mich zu und sagte: willst du was? Die Ensslin rief ungefähr: lass das, du siehst doch, dass der Angst hat. Ja, da bin ich geschockt gegangen. Am nächsten Früh kam die Band zurück. Die haben die ungebetenen Gäste aus dem Zimmer geschmissen und die sind dann auch Hals über Kopf mit ihrem Mercedes davon. Eine Hose haben sie noch von der Wäscheleine mitgenommen.“

Der Schriftsteller Heinrich Böll geriet ins Visier der Bild-Zeitung / Quelle:
Bundesarchiv, B 145 Bild-F062164-0004 / Hoffmann, Harald / CC-BY-SA 3.0

Bands wie Embryo oder Amon Düül II beginnen in einer Zeit Musik zu machen, in der viele Festivals und Auftritte zugleich politische Manifeste und Statements sind.  Die Hippie-Bewegung hat Deutschland längst erfasst. Viele sympathisieren mit der Terror-Organisation RAF, ohne sich ihr anzuschließen. Man empfindet eine Bevormundung des Staates, riecht den alten Muff der Nazi-Zeit, sehnt sich nach Freiheit und Selbstbestimmung. Die Terroristen um Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe, Holger Meins oder Ulrike Meinhof werden unterdessen zu den meist gesuchten Verbrechern in Deutschland. Die Bild-Zeitung hetzt, viele Sympathisanten der RAF hetzen zurück. In dieser aufgeheizten Stimmung zu Beginn der 70er mischt sich Deutschlands bedeutender Schriftsteller Heinrich Böll mit seinem Essay „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit“ ein, der am 10. Januar 1972 im Spiegel veröffentlicht wird. Die Bild-Zeitung und konservative Kreise missverstehen Bölls Beitrag als offene Unterstützung der Terrorgruppe, unter anderem, weil Böll die Hetze der Bild-Zeitung kritisiert. Was folgt, ist eine für Böll zutiefst verletzende Auseinandersetzung mit der Boulevard-Zeitung, die nach seinem Essay eine wahre Dämonisierungskampagne gegen den bedeutenden deutschen Schriftsteller reitet. Aus diesen bitteren Erfahrungen entsteht 1974 Bölls großartiger Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, ein Werk, das die Wechselwirkungen von Boulevard und linksradikaler Protestbewegung noch einmal aufgreift.

Embryo-Platte „Turn Peace“ von 1990 / Bildquelle: Embryo

Ich hatte zu meiner Abiturzeit 1992 die meisten Werke von Böll durch, vor dem Embryo-Konzert in meinem Heimatdorf Beelen gerade noch Stefan Austs „Baader-Meinhof-Komplex“ gelesen. Meine Politisierung trifft bereits 1989 im Café Kuba in Münster auf die Band Embryo. Es ist mein erstes Embryo-Konzert, und jetzt und hier erinnere ich mich, dass ich schon damals irgendwie das Gefühl hatte, die Band ist immer einen anderen Weg des Widerstands gegangen. Ich habe es damals nur nicht beschreiben können. Heute weiß ich es. Es ist: „Turn Peace“. Wie viel Hass es auf allen Seiten in den 70ern gegeben hat, ist dabei eine tiefgreifende Erfahrung der Band gewesen.

Embryo-Kommune zu Beginn der 70er/ Bildquelle: Embryo

Die zweite Embryo-Kommune hatte sich zu Beginn der 70er in der Metzstraße 15 einquartiert. Zwei Stockwerke darunter wohnte Brigitte Mohnhaupt mit ihrem Freund Rolf Heißler. Man verstand sich nicht eben prächtig: Für Embryo waren die zukünftigen RAFler zu rockig unterwegs. Umgekehrt hielten die die Embryos für Kiffer jenseits von Gut und Böse. Als die Embryos 1972 einmal vom Einkaufen zurückkommen, ist das ganze Wohnhaus von der Polizei umstellt. Gerade eben war Brigitte Mohnhaupt verhaftet worden. Als die Polizei abzog, blieb die Katze von Mohnhaupt. Die Embryo-Kommune leistete nachbarschaftlichen Beistand und übernahm sie. Die Katze hieß Hutze, ein Wortspiel aus Hund und Katze. Und sie war, erinnert sich Burchard, vom Aussehen her „eine Mischung aus Charlie Chaplin und Hitler“. Ein nach wie vor perfektes Sinnbild für das Wesen der RAF, findet er. Es war Eva Pluwatsch-Burchard, die darauf drängte, sie zu begleiten. Hutze lebt noch lange bei den Burchards. In ihren letzten Lebensmonaten wird Marja Burchard im September 1985 geboren. „Wir haben uns abgewechselt mit dem Leben. Sie ging, ich blieb“, schreibt mir Marja.

Bei dieser Geschichte aus den Anfängen der 70er wird einmal mehr klar, wie sehr auch die linkradikale Szene damals vom Gewaltgedanken durchdrungen war. So sehr die RAF jede Staatsgewalt ablehnte und hasste, so sehr übte sie auf ihre Weise diese aus. Sie hielten sich für intelligenter und meinten mit ihrer Weltanschauung, Deutschland und seinen Staat grundständig entnazifizieren und vom ungerechten Kapitalismus befreien zu müssen. In der Tat gab es in der Politik und Wirtschaft damals noch Personen wie Hans Karl Filbinger, dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten von 1966-1978, die eine Nazi-Vergangenheit hatten. Filbinger war NSDAP-Mitglied und hatte als Marine-Richter zwischen 1942 -1945 vier Todesurteile ausgesprochen. Erst im Zuge der Unterlassungsklage gegen den Dramatiker Rolf Hochhuth, der in seiner Erzählung „Eine Liebe in Deutschland“ eine Diskussion um Filbingers Verantwortung in der NS-Zeit entfacht hatte, kamen weitere Details zum Vorschein, die zu Filbingers Niederlegung aller Ämter führten.

Der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) Bildquelle unbekannt / https://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=263

Die RAFler aber glaubten gleich Dostojewskis Hauptfigur Raskolnikoff in „Schuld und Sühne“ an den „erlaubten Mord“. So nahmen sie die SS-Geschichte des damaligen Präsidenten der „Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeber“ Hanns-Martin Schleyer und seine Funktion am 5. September 1977 zum Anlass der Entführung. Mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer hatte man dem Staat ein Ultimatum gestellt, elf inhaftierte RAF-Geiseln sofort freizulassen. Als der Staat unter Bundeskanzler Helmut Schmidt nicht darauf einging, erschoss das RAF-Kommando Schleyer. Seine Leiche wurde am 19. Oktober 1977 in einem Kofferraum eines Audi 100 C1 im französischen Mühlhausen gefunden. Laut dem Ex-RAF-Terroristen Peter Jürgen Boock sollen die RAFler Stefan Wisniewski und Rolf Heißler die Täter gewesen sein. Jener Rolf Heißler, der fünf Jahre zuvor mit Brigitte Mohnhaupt noch zwei Stockwerke unter der Embryo-Kommune lebte. Am 20. April 1998 verkündete ein bei der Nachrichtenagentur Reuters eingegangenes und als authentisch eingestuftes Schreiben die Auflösung der Terrorgruppe.

Aber tote Geister holen immer wieder Lebende aus der Flasche. Gewalt und Gegengewalt sind gesellschaftlich dialektische Phänomene, die nie aufhören werden, solange es Menschen um Ideologien, Macht und Einflussnahme geht. Es verwundert, dass Hitlers „Mein Kampf“ in vielen Teilen Asiens ein Bestseller ist, eine Art „Leader-Handbuch“.

Pankay Mishra / Bildquelle: Urheber unbekannt/
http://www.pankajmishra.com/

Der indische Essayist und Schriftsteller Pankay Mishra erklärt das Phänomen damit, dass die asiatische Welt den für sie bedeutenden Teil der westlichen Geschichte nach den modernen Regeln der Machtpolitik einfach kopiert. Geist in Geschichte und Gegenwart. Es kriechen immer wieder menschenverachtende Verwandte aus dem Flaschenhals…

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