Embryo bleibt immer heute – Interview mit dem Schlagzeuger Jakob Thun

Jakob ist Schlagzeuger der Band Karaba und Embryo. Auch ihn habe ich 2017 auf dem Embryo-Konzert in Solingen zum ersten Mal auf der Bühne gehört. Ich war sehr angetan von seinem Rhythmus- und Taktgefühl. Er war 2017 bei der ersten längeren Tour dabei. Was nimmt man da mit?

„Seine Sorgen, Ängste, Freuden nimmt man überall hin mit. Die Spanne reicht von absoluter Gelassenheit und Freude zur Überwindung bis hin zu krassester Anstrengung. Viele Begegnungen mit Menschen, schönen Orten sowie eigenen Gefühlen. Eine intensive Reflexion! Die Zeit, die man zu Hause hinterlässt, bleibt stehen, obwohl sie weiter tickt.“

Jakob deeply immersed into what music is -Bildquelle: Embryo

Jakobs Antwort beschreibt sehr gut, wie Landschaften des Lebens im Unterwegs-Sein wechseln und doch auch Standorte bleiben, die im Kopf mitfahren. Wenn Zeit und Raum fließen, ist das wohl immer so, und diese Touren von Embryo, die von Ort zu Ort auf engstem Raum im Bus bewältigt werden, sind wohl ein eigener kreativer Prozess, der neue Musik in ihrer Spannung kreiiert.

Mit seiner Antwort ergibt sich gleich eine neue Frage, weil dieses Miteinander auf Touren bei Embryo ja auch immer mitbestimmt war von den Stimmungen der einzelnen Musiker. Ob er das weiß und sich mit der Geschichte der Band auseinandergesetzt habe?

Genau mit diesem Punkt triffst du ein großes Anliegen, womit ich mich oft selber beschäftige. Mein Interesse ist immer da, aber dieses Verlangen mich zu bilden und mich damit auseinanderzusetzen, ist zwiegespalten. Zum einen bekommt man allein durch das bloße Anhören von Musik einen Anstoß, sich mit der Geschichte und den Protagonisten auseinanderzusetzen; zum anderen finde ich es schön, die Musik einfach als das nacktes Erlebnis anzusehen. Was es ist, und auch damit so umzugehen. Entweder es inspiriert einen und man arbeitet damit oder es lässt einen kalt. Es als eine Sache für sich MUSIKGESCHICHTE zu „studieren“… da komme ich langsam auf den Geschmack, aber es ist schwierig, da ich eher etwas von organischen, von sich selbst lebenden Prozessen halte. Ich komme musikalisch eher aus der verzerrten, schnellen Schiene, aber habe mich durch die Freundschaft und Bekanntschaft mit Andi & Co (Karaba), als ich 15,16 Jahre alt war, der Musik früherer Generationen geöffnet und gemerkt, dass es unendlich viel reichaltige Möglichkeiten gibt, Musik zu verstehen bzw. zu machen. Das Hören von Musik ist eine der inspirierenden Faktoren. D.h. konkret die Musik, die ich für Projekte realisieren will, aber auch Musik, die ich nur konsumiere, ohne sie imitieren zu wollen (ob mich das musikalisch beeinflusst oder nicht ist eine andere Sache) und das betrifft das ganze Spektrum vom Sound.“

Hier in Mainz 2017 – Bildquelle: Embryo

Ich halte inne, weil ich diese Antwort faszinierend finde. Und erfrischend. Da spielt Jakob in der Band, die eine solche Historie hat, hält aber den Wert des musikalischen Augenblicks und des Jetzt im Miteinander dagegen. Ich hinterfrage auch mich mit dieser Antwort, ob ich mit den Geschichtensammlungen der Band der gegenwärtigen Band gerecht werde, ob nicht eine Überlastung entstehen könnte, die unangenehmen Druck auslöst. Ich glaube, zu spüren, dass es gut ist, dass es neben Embryo noch die Band Karaba gibt, und frage doch nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten beider Bands, was die Ansprüche angeht. Ich bin ja auch ein großer Fan von Karaba, und das Stück „Domian“ ist für mich wirklich ein Masterpiece.

„Embryo und Karaba sind natürlich verwandt vom Anspruch, erlebnisreich, vielfältig, neuartig zu musizieren und da gibt es viele Parallelen und Gemeinsamkeiten, die sich bestärken. Was dabei herauskommt, ist der größte Unterschied. Es ist Arbeit auch dort, wo manchmal nicht sofort ein Ergebnis z.B. in Form neuer Kompositionen erkennbar ist. Die ganzen Prozesse, die im Hintergrund ablaufen, Organisation etc., es ist nicht leicht allem/n gerecht zu werden, insbesondere bei einer solchen engen Verbindung wird es oft schwer, Prioritäten zu setzen: was, wer ist jetzt wichtiger?“

Die Herausforderung, zwei musikalische Bands in ein Musikerherz einzubinden, wird bei seiner Antwort deutlich. Vielleicht hat eben aber genau das etwas mit der Emanzipation von der Historie zu tun, die den Musikern Spielräume erlaubt, ohne ständig verglichen zu werden oder mit der Geschichte von Embryo konfrontiert zu werden. Ich finde das richtig, wenn Jakob auf die Synergieeffekte hinweist. Das ist in der Musikgeschichte auch nicht neu, dass Musiker in mehreren Bands gleichzeitig spielen. Aber von der Reflektiertheit, mit der Jakob antwortet, bin ich beeindruckt. Auch von seinem Spiel, wie tief er mit den Ohren in das Spiel seiner Bandkollegen eintaucht, wie dynamisch er aber auch plötzlich Akzente am Schlagzeug setzen kann. Ich meine, man muss sich mal vorstellen, dass Jakob in Solingen 2017 meines Wissens zum ersten Mal mit einer Koryphäe wie Jens Pollheide zusammenspielt. Und dann hört es sich an, als kennen sich die beiden schon lange. Das ist ja eigentlich nicht ganz einfach. Wann er mit dem Schlagzeug angefangen habe, wie er zu Embryo gekommen sei, möchte ich wissen.

Wenn Jakob spielt, hat man den Eindruck, er spricht mit dem Schlagzeug – Bildquelle: Embryo

„Meine Eltern haben mich schon im Kindesalter zu einem Senegalesen in seiner Privatwohnung zum Djembe Unterricht entführt, um mein energetisches Temperament zu zügeln, wofür ich ihnen heute sehr dankbar bin, was ich damals eher als Zwang wahrgenommen habe. So habe ich immer rumgetrommelt, ob auf Cousins` Schlagzeug oder in den eigenen 4 Wänden oder kurz in einer brasilianischen Percussion-Gruppe, dann lange gar nicht, und dann durch Gefühle des inneren Aufbegehrens, als ich 14 war, im Punk mit dem Schlagzeug wieder Anschluss gefunden. Gegen 15 dann mit Andi, Maasl & Co, damals noch Haus des Lächelns, aus dem Karaba hervorgegangen ist. Es war immer ein sozialer Aspekt für mich zu musizieren, ohne direkte lehrende Autorität, wobei ich natürlich mein Gehör auf das richten musste, was die Leute da machen, sei es, was von der Konserve angehört, oder Musikern oder Schlagzeugern live zugehört, das war meine Schule bis jetzt. Dadurch bin ich technisch vielleicht bisschen verarmt, aber Einfühlen habe ich dadurch gelernt. Andi, Maasl haben Marja auf einer Session zufällig kennengelernt, und sie ist dann regelmäßig bei uns im Keller mit Inspiration aufgetaucht und so kam der Kontakt langsam stetig zustande. Ich bin dann 2012 – 2015 drei Jahre nach Wien und jetzt seit zwei Jahren wieder in München und dadurch ist der Kontakt in das gemündet, wie es sich heute präsentiert.“

Meine nächste Frage: Wie wichtig ist für einen Schlagzeuger das gute Ohr und welche Fallen gibt es deiner Meinungen nach im Zusammenspiel? Ich meine, welche Fehler kann man machen?

„Jeder vermeintliche Fehler ist im selben Moment total richtig, aber das ist vielleicht auch wieder ein Fehler. Es gibt Schlagzeuger, die eher autonom handeln und die, die synthetisieren wollen. Ich gehöre eher zu letzteren. Das Hören und Intuitive ist mir das wichtigste Werkzeug- e.v. Bequemlichkeit ev. stilistisches Element. Das virtuose Spiel war bis jetzt nie wichtig für mich, doch jetzt gerade stehe ich wieder meinen Ansprüchen gegenüber, die doch irgendwie noch weiter und virtuoser werden wollen. Ich bin selber total gespannt, zu was das führen wird.“

Und wie sieht es mit den Zukunftsplänen aus?

„Ich bin mir darüber nicht im Klaren, stehe auch hier gerade an einer Entscheidung, ob ich so weitermache wie bisher üblich, „studieren“ „jobben“ und „schlagzeugen“ oder mich mal wirklich eine Sache total verschreibe, aber das Musizieren ist schon ein großer Teil von den vielen, die das Ganze ausmachen.“

Diese Findungsphasen gehören wohl zum Künstlerleben dazu und sind ihrerseits wichtige, wegweisende Impulse, die wieder in den Spirit der Musik fließen. Zum Schluss des Gesprächs hole ich doch noch einmal die Geschichstkeule heraus und frage, ob er sich vorstellen könne, wie die Band 1978 einmal loszuziehen und andere Kontinente zu bereisen. Jakobs einfache und klare Antwort:

„Na dann los!“

Jakob in space hinter Jens Pollheide – Bildquelle: Embryo

Also nicht reden, sondern: „Do it!“ Jakobs Nachname ist Programm. Wir Schreiberlinge, das fällt mir wieder auf, gebrauchen mitunter zu viele Worte für einfache Dinge. Also setze ich noch einmal nach, denn mich fasziniert das Gefühl des Tourens, ich möchte noch einmal genauer wissen, wie das ist, bei dieser Weite vor sich ständig auf Achse sein, heute hier, morgen dort. Ist das etwas für dich, Jakob, oder hast du nach Wochen gesagt – gut, dass ich wieder zu Hause bin?

„Es ist ein Gefühl, dass ich auch schon von anderen Erfahrungen mitgebracht habe, immer mal wieder lange Rennradtouren gemacht z.B. von München in die Toskana, wo das Prinzip abgewandelt aufkommt mit Freuden und Anstrengungen… die sind überall. Im Bus mit der sozialen Komponente und das Gefühl erwartet zu werden, ist schon was anderes. Und wenn es ewig weitergeht, dann denkt man auch nicht an zu Hause. Die Gewissheit des Zurückkommen- Müssen war bis jetzt auf der Tour immer da. Vielleicht gibt es ja mal eine unendliche Tour.“

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