Embryo live in Hof 2018

Ich fahre da hin, wo das Embryo geboren wurde. Nach Hof. Embryo spielt, und ich habe mit der Band ausgemacht, dass sie mich am nächsten Tag mit nach Berlin nehmen. Dieter Serfas und sein Freund Uli holen mich vom Bahnhof ab. Dieter zeigt auf die Brücke über den Gleisen hinter mir. Er erzählt über seine Jugendzeit mit Christian. „Hier haben sich immer abends unsere Wege getrennt. Der Christian musste auf die andere Straßenseite. Ist ein Stück weiter. Wenn du Fotos machen willst, müssten wir mit dem Taxi dahin. Zu Fuß dauert es dreißig Minuten. Das Haus steht aber noch da.“ Wir vereinbaren, dass Uli Fotos macht und mir diese schickt. Die Zugfahrt hat mich ein wenig geschlaucht, und die Lust auf ein erstes Bier ist groß.

Kunstkaufhaus Hof

Gemeinsam gehen wir zum Kunstkaufhaus. Die Band ist noch nicht da, und der Veranstalter hat die Tore noch geschlossen. Also gehen wir zum Italiener nebenan und trinken da ein paar Bier. Dieter erzählt aus den alten Zeiten, über Amon Düül II und alle Verrücktheiten, die es noch so nebenbei da gegeben hat. Ich bereue gleich, dass ich kein Aufnahmegerät mitgenommen habe, aber das wäre wohl zu professionell gewesen. Auch Bilder habe ich kaum welche gemacht. Wir sind ja nicht im Zoo. Die Gespräche plätschern zu keinem Zeitpunkt vor sich hin. Es bleibt stets spannend. „Du, Christian!“, raunzt mich Dieter irgendwann an. „Das mit dem Bruch in meiner Biographie, das war ‚ne Scheißeinleitung von dir! Weiß‘ te…ich habe ja immer Musik gemacht, und auch für die Band immer Konzerte organisiert.“ „Ja, ich ändere das noch, Dieter. Alles gut.“ Es ging darum, dass Dieter 1972 Redakteur bei der Frankenpost wurde, und ich das in einer einleitenden Interviewfrage als Bruch bezeichnet habe. Ich finde das Wort Bruch nach wie vor nicht schlimm, zumal ich den Dieter ja später noch ganz oft mit Embryo live gesehen habe und ihn immer auch musikalisch super finde. Ich habe aber verstanden, was er meinte. Musiker bleibt man immer.

Kleinste Bühne der Welt

Gegen halb acht brechen wir erneut zum Kunstkaufhaus auf. Es ist eine urige Kneipe. Sie ist schon recht voll. Wir kriegen gerade noch weiter vorne einen Tisch. Als ich die Bühne sehe, kriege ich einen Anflug von Krise. Gefühlte fünf Quadratmeter für ein Meer von Instrumenten, das gleich aus dem Bus gespült wird. Wie soll das gehen? Das ARD-Morgenmagazin wirbt mit der kleinsten Bühne der Welt. Das hier ist allerdings Wahnsinn, zumal da bereits der fette Kontrabass von Gregor Platzeck steht. Gregor ist ein alter Embryo-Veterane, hat auch die eine oder andere Italien-Tour mit Embryo mitgemacht. Als Dieter nun auch noch seine Talking-Drum auspackt, denke ich, vielleicht passt da doch noch eine Blockflöte hin. Oder eine Fahrradklingel.

Endlich kommt die Band, und wir holen all die anderen Instrumente hinzu. Man hat einen Saum vor der Bühne freigeschaufelt. Nach einer halben Stunde ist alles aufgebaut, und…oh, Wunder, es geht…Wolfi, Maasl, Marja, Dieter, Gregor und Jakob finden ihren Platz auf und vor der Bühne. Für mich trotzdem ein logistisches Wunder. Mittlerweile ist die Kneipe endvoll, und draußen im Biergarten stehen noch viele Schlange und beschließen, die Musik von draußen zu hören. Ich spreche bei einer Zigarette mit Hannes, der von Beruf Schäfer und zugleich ein Cousin von Marja ist. Als er mir ins Ohr flüstert, dass wir heute Nacht bei ihm schlafen, denke ich – okay, cool – auf der Weide also. Wolf-City. Ich hatte gerade Schober’s „Tanz der Lemminge“ noch einmal gelesen. Passt alles auch zu Umsonst und Draussen. „Ne, ne…schon in der Wohnung“, fügt er leise hinzu. 

Through the generations

Das Konzert beginnt recht pünktlich, so kurz nach acht. Marja haut gleich einen Krautrock-Sound in die Tasten, und ich muss unwillkürlich an Frumpy denken. How a Gypsy was born…ist ja keine Frage, sondern eine Beschreibung. Die wirklichen Gypsies stehen gerade hier auf der Bühne. Jeder, der diesen alten Orgelklang mag, versteht, was ich meine. Wolfis Saxophon stößt ekstatisch dazu und bringt einzigartige Jazz-Punk-Elemente ein. Dieter wirbelt am Schlagwerk und Maasl und Gregor am Bass und Kontrabass machen den Sound richtig fett. Was folgt, sind zwei Stunden Kraut-und Jazzrock auf allerhöchstem Niveau. Eine wunderbare Jamsession, die so originär nach dem klingt, was vor fast fünfzig Jahren Deutschlands Musikszene revolutioniert hat. Einer neben mir springt schließlich begeistert auf und schreit durch die Kneipe. „Ihr wisst schon, dass ihr hier gerade die beste Band Deutschlands live seht, oder?!“ Das Publikum ist halt etwas gesetzter, genießt das Konzert aber im Sitzen, und ehrlich, ich muss auch kein tobendes Publikum mehr haben…im Prinzip geht es ja um die Musik…und je lauter das Publikum…umso lauter…na ja… Jakob ist meisterhaft an den Drums, Dieter setzt immer wieder seine Talking Drums ein, und ich finde, der Klang hat etwas von einer Höhle, in der das Echo dumpf, dunkel und faszinierend zurückschallt. Dazu später noch das Vibraphon, das Marja so filigran spielt, als müsse sie Meißener Porzellan unfallfrei über eine große Schlucht ohne Brücke tragen. Einfach einzigartig, großartig. Bei der Spielfreude der Band wird einem warm ums Herz. Die Spielfreude ist ein eigenes Instrument, war immer ein eigenes Instrument der Band. Nichts ist durchperformt, alles ist Gehör, Feeling und blindes Verständnis. Das hat einen speziellen Flow und macht Embryo live einfach unnachahmlich.

Der schlechteste CD-Verkäufer ever

Gegen halb elf ist das Konzert leider vorbei. Immer die Last mit Anwohnern. So ist das in Deutschland. Marja legt den Karton mit CD’s aufs Vibraphon und fragt mich, ob ich die CD’s verkaufen könne. Die Band braucht erst einmal Abstand, und ich versteh’s nach diesem Gig. Ich stehe also nun da, und eine Masse an Leuten steht vor mir, fragt mich nach all diesen CD’s, welche ich empfehlen kann…und meine Antwort: „Alle!“, befriedigt keinen…trotzdem entscheiden sich alle irgendwann…und dann kommt Maasl noch mit Vinyl-Scheiben von Karaba, und auch die gehen weg wie warme Brötchen. Eine Stunde später, die Instrumente sind eingepackt, sitzen wir in der Kneipe am Tisch und essen eine rote Bohnensuppe, auch Western-Topf genannt. Wir reden über dies und das, auch über das und dies. Es ist eine entspannte Atmosphäre, und keine Problembären sind in Sichtweite. Das sollte sich am nächsten Tag vor den Toren Berlins ändern…


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