Embryo live in Pfaffenhofen 2016

Ich hatte erst im Juni 2016 gehört, was mit Christian auf der Marokko-Tour passiert war, weil ich über Monate im Umzugsstress war. Ich fragte Christian per Mail um ein weiteres Gespräch an, weil die Embryographie beim Buchstaben E stehengeblieben war. Als mich die Antwort-Mail von Marja ereilte, brach ich in Tränen zusammen. Ich konnte es nicht fassen. Meine Großmutter hat 1972 einen Schlaganfall erlitten und lag zwölf Jahre pflegebedürftig im Bett. Wir haben das als Familie super gerockt, vor allem meine Mutter, aber es war natürlich schwer. Damals gab es weder Pflegekassen noch Pflegekräfte aus dem Ausland.

In mir kam alles hoch, die mitunter schwierige, familiäre Situation in meiner Kindheit, das Bewusstsein, was es für einen Musiker und Künstler wie Christian heißen musste, vielleicht für immer auf Mobilität und auf das Spiel verzichten zu müssen. Ich kam über Monate nicht klar mit dieser Nachricht, war depressiv, dachte in schwarzen Farben über das Leben nach, stellte alles in Frage. Meine Musik-Veteranen kränkeln allmählich, sterben irgendwann, und ich sah damals in meinem eingeschränkten Horizont eine klaffende, musikalische Lücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Sitar-Spieler Deobrat Mishra – Bildquelle: Embryo

Und dann erschien irgendwann ein Artikel in der SZ, in dem stand, dass Marja Embryo fortführen wolle. Ich erinnere mich, wie ich den Artikel immer wieder las, sich ein Strahlen in meinem Gesicht breitmachte, und ich spürte: Hier entsteht eine neue Brücke, etwas Wundervolles, etwas, das Vater Christian und alle Embryo-Fans freut. Ich erinnerte mich daran, dass Christian damals im Gespräch 1994 irgend so etwas schon mal als Wunsch angedeutet hatte, hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch geglaubt, alle Aufzeichnungen über das Gespräch verloren zu haben. Also machte ich mich zum ersten Konzert von Embryo ohne Christian Burchard (It do- Release-Konzert ausgenommen) an einem Sonntagmorgen auf dem Weg nach Pfaffenhofen, bei dem der Sitar-Spieler Deobrat Mishra, sein Bruder Prashant an den Tablas, Niko Schnabel am Saxophon, Maasl Maier an Bass und Marja Burchard unter anderem am Klavier ein beeindruckendes Konzert gaben.

Kurz zur Anfahrt vom westlichen Münsterland aus: Was es an Baustellen auf der A3 nach Aschaffenburg gibt, passt auf kein Blatt A4. An der bayrischen Landesgrenze stellte ich das Radio an, BR-2, und Mehmet Scholl stellte seine Musikempfehlungen im Olympiapark vor. Erstaunlich gut, was der so alles kennt und hört. In Pfaffenhofen nahm ich zur Kenntnis, dass es die Stadt ist, in der Embryos Nahrung hergestellt wird. Hipp-Hipp-Hurra. Ist das ein Zeichen? Einen leichten Dämpfer meiner Vorfreude erfuhr ich, als mir bewusst wurde, dass ich mir ein Hotel mit dem Namen Moosburger ausgesucht hatte. Ich war inmitten der Lektüre von Robert Musils Mammutwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“, wo es um einen Sexualstraftäter und Psychopathen mit dem Namen Moosbrugger geht. Ich schob eine Phobie und zögerte mit dem Einchecken, um mir dann noch einmal darüber klar zu werden, dass das Hotel doch Moosburger heißt.

Tabla-Spieler Prashant Mishra – Bildquelle: Embryo

Auf der Suche nach der Künstlerwerkstatt ging die Band an mir vorbei, und ich checkte das erst Minuten später. Dann lief ich zurück, holte sie ein, grüßte, und gemeinsam besuchten wir eine Pizzeria. Wir plauderten in angenehmer Atmosphäre, und ich konnte unhöflicherweise nicht umhin, Prashant und Deobrat Mishra auf den wunderbaren, indischen Tabla-Spieler Zakir Hussein anzusprechen. Zu meiner Überraschung stimmten beide mit mir überein, was dessen Spielvirtuosität angeht, waren auch nicht beleidigt. Deobrat fügte nur den kleinen Nebensatz hinzu, dass sein Bruder an der Tabla genauso gut sei. Eine Aussage, die ich nach dem anschließenden Konzert nur unterstreichen kann. Und er machte mich darauf aufmerksam, dass sich die indische Musikwelt gerade ändere. Vieles sei dort mittlerweile ein Wettbewerb unter Solo-Künstlern, etwas, was gar nicht zur Seele von Musik passe. Dieser Satz hat mich tief beeindruckt.

Die Künstlerwerkstatt in Pfaffenhofen ist eine Super-Location für Konzerte. Ich habe mich so wohl da gefühlt, dass ich dort bis zwei Uhr nachts mit einigen tollen Leuten und interessanten Gesprächen ausharrte. Danke an euch alle in Pfaffenhofen! Und das Konzert, das Embryo dort 2016 gegeben hat, war von einer solchen Schönheit und Reinheit, dass ich während und nach dem Konzert immer wieder mit den Tränen kämpfen musste. Mir wurde klar, dass mein Gespür richtig war. Mit Marja Burchard ist bei Embryo etwas fortgesetzt worden, was bei Menschen, Künstlern und Zuhörern nie im Leben aufhören darf. Die Liebe zur Musik. Danke auch an Manfred Habl, der Ausschnitte des Konzerts auf Youtube hereingestellt hat. Das Konzert war für mich eine Neugeburt, zog mich aus dem Tief und erweiterte meine Sicht.

Konzerthinweis: Vom 18.04.2019 bis zum 26.04. 2019 spielt Embryo erneut mit den Mishra-Brüdern zusammen. https://www.embryo.de/embryo_gigs.htm

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