Eva Burchard – Die Mutter von Embryo

Am 18.04 2018 habe ich drei Monate nach dem Tod von Christian an seine Frau Eva folgende Nachricht geschrieben:

Liebe Eva,

ich schicke Dir die „Embryographie“ vorab und möchte Dir damit meine Wertschätzung zeigen. Ich hoffe, Du findest in der nächsten Zeit die Kraft und die Energie wieder, die man nach der Trauer braucht, um die Farben im Leben wiederzuerkennen. Du hast der Band „Embryo“ den Namen gegeben, alle Verrücktheiten mitgemacht, die die Band durchlebt hat, und mir ist im Zuge der vielen Gespräche und Recherchen bewusst geworden, wie wichtig Du auch als Ansprechpartner für alle warst und bist. Einfach einmal – Danke – dafür! Viel Freude beim Lesen…Liebe Grüße…Christian

Tochter und Mutter in Marokko – Bildquelle: Embryo

Eva ist „For Eva“ und viel mehr

Es war nicht ganz so einfach, Eva für ein Interview zu gewinnen, aber dafür war es um so wertvoller, was sie sagte:


Du hast der Band den Namen gegeben, Eva. Wie ist es dazu gekommen?


Ich habe zu der Zeit Christian bereits 2 Jahre gekannt und hatte schon eine Phantasie über seine musikalische Suche. Ich erinnere mich, wie ich nach einer Medizin-Vorlesung ins Zimmer in der Kesselbergstraße in München kam, wo Christian auf dem Boden saß, umringt von Papieren mit fiktiven Bandnamen. Sie schienen mir sehr abstrakt. Spontan fiel mir in dem Moment der Name Embryo ein. Embryo symbolisiert das unbestimmte Prinzip, das sich stets weiterentwickelt und entfaltet. Es steht für: Wandel, Entwicklung, Wachstum, Offenheit, soz. für einen Zusammenhang – für ein immer neues Erleben. All diese Eigenschaften schienen mir zu seiner musikalischen Suche passend. Da es damals noch eine sehr männerdominierte Gruppe war, wunderte es mich, dass nach längeren Diskussionen mein Vorschlag (der Vorschlag einer Frau) angenommen wurde.


Christian hast du Ende der 60er kennengelernt. Warst du damals schon musikbegeistert oder ist die Begeisterung erst mit Christian entstanden und gewachsen?


Ich selber spielte klassisch Geige und spielte zu der Zeit in dem Mediziner-Orchester. Durch Christians Einfluss entdeckte ich den Swing, den Jazz: Coltrane, Eric Dolphy, Duke Ellington, Armstrong usw. Viele erlebten wir auch live. Doch nicht nur im Jazz bereicherte er mich, auch in der modernen Klassik wie Bartók, Prokofjew, Strawinksy, Rachmaninov usw. Viele Interessen haben sich auch überkreuzt. Bis heute kann ich sagen, dass ich durch seinen musikalischen Einfluss immer in Atem gehalten wurde.


Du bist Medizinerin. Ein Medizinstudium ist ja nach wie vor heute durchdrungen von einem Berufskastenwesen, soweit ich das mitbekomme. Ein Großteil studiert das Fach, weil auch die Eltern Ärzte sind, das Fach studiert haben. Burschenschaftliche Verbindungen, Snobismus und eher konservative Besitzstandswahrung prägen bis heute mitunter das Milieu. Jetzt stelle ich mir
dich Ende der 60er und Anfang der 70er vor, umgeben von langhaarigen Hippies, einem intensiven Kommunenleben, Musikfreaks etc. Wie passte das zusammen? Und vor allem: Wie konntest du dich bei dem Rummel auf das Studium konzentrieren?


Ich habe, seit dem ich jugendlich war, für Medizin gebrannt. Wenn du für etwas brennst, kannst du auch viele Probleme, die drum herum passieren, bewältigen. Ich hatte immer mein inneres Zentrum – das Interesse für die Medizin – in mir, so dass das Chaos um mich herum, mich nicht überwältigen konnte, sondern mich eher bereicherte. Dadurch, dass ich durch das Studium an den Ort gebunden war, konnte ich strukturierend vorgehen. Das Leben in der Kommune war oft nicht leicht.


Welche Erfahrungen haben dich im Rahmen der bisherigen Bandgeschichte am meisten überrascht? Positiv wie negativ.

Dass wir uns nicht jeden Tag den Kopf eingeschlagen haben, obwohl es oft viele zwischenmenschliche Auseinandersetzungen gab. Dass es doch ein friedliches und kreatives Miteinander war. Die Entwicklung der Bandgeschichte war menschlich.


Du pflegst ja bis heute enge Freundschaften mit Musikern, die durch die Vernetzung der Band mit der Welt gewachsen sind. Welche Kulturen haben bei dir einen besonders starken Eindruck hinterlassen?


Kann man gar nicht so sagen, da jeder für sich einmalig und interessant ist.
In Afrika beispielsweise wird ja noch weitgehend kniend oder hockend ein Kind geboren. Alternatives Wissen jenseits der Schulmedizin begleiten den Alltag der Frauen noch in vielen außereuropäischen Ländern.

Hast du im Zuge der vielen Kulturbegegnungen, die bei der Band Embryo immer eine Rolle spielten, medizinisch noch etwas dazu lernen können?


Ich bin ja nicht wirklich viel mit getourt, sondern war meistens durch Studium und Arbeit an den Ort gebunden und war, – wenn – immer nur ein paar Wochen dabei. An ein paar „medizinische“ Situationen erinnere ich mich. Z.B. in Afghanistan. Aber da war es eher umgekehrt: Sie wollten eher Hilfe von mir, da der Westen schon immer hoch angepriesen war.


Wie kann man sich das Leben an der Seite eines Musikers, der stets auf Reisen ist, vorstellen? Wie kostbar wird da die gemeinsame Zeit, die man miteinander verbringt?


Es war immer sehr intensiv. Man trifft sich entweder immer wieder oder nicht. Ich habe mein Leben gelebt, er sein Leben, und wir haben uns gegenseitig bereichert.


Ohne dein Verständnis und deine Unterstützung für das, was Embryo eigentlich von Beginn an war und geblieben ist, wäre vieles in der Band in der Form nicht möglich gewesen. Wie sehr beseelt dich der Umstand, dass die gemeinsame Tochter Marja nun alles fortsetzt? Hat es da Diskussionen gegeben oder war es ganz allein ihre eigene Entscheidung?

Milliardärin an Tönen – Marja Burchard – Bildquelle. Embryo


Mich beseelt der Umstand, dass Marja alles fortsetzt sehr. Sie ist Milliardärin an Tönen und hat noch viel mehr Ideen. Es war ihre eigene Entwicklung und damit ihre eigene Entscheidung. Sie war ebenfalls auf der Suche, hat Ethnologie studiert, mit anderen Gruppen gespielt für andere Gruppen komponiert und mitgearbeitet (z.B. im Antagon Theater). Auf Grund ihrer Erfahrungen „Learning by doing“ wie der indische Percussionvirtuose Paramaschiwam sagte, kam sie dort hin wo sie jetzt ist. Das macht mich glücklich zu sehen, dass sie glücklich ist.


Du warst von Beginn an dabei. Gibt es etwas, das du im Nachhinein anders sehen würdest? Innerhalb von fast fünfzig Jahren ändert sich ja so manche Perspektive.

Vieles bleibt ähnlich.

Zum Schluss die Frage: Was würdest du gern in zehn Jahren über die Band Embryo lesen oder hören?

Dass es noch lebt.

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