Glück ist eine Oase, die zu erreichen nur träumenden Kamelen gelingt (Beduinenweisheit)

Kairo wird in der arabischen Sprache Al-Qahira, die Starke, genannt. Für Chris Karrer, Gitarrist von Embryo und Amon Düül, ist die Stadt „between heaven and hell.“ 1 Million Quadratkilometer umfasst das Land Ägypten und 87 Millionen Einwohner. Das Land besteht aus sechsundneunzig Prozent Wüste. Nubier, Araber und Berber besiedeln das Land, und der Nil ist zentraler Stromlauf und unentbehrliche Wasserquelle. „Trinkst du einmal vom Nil, zieht es dich immer wieder da hin…“, zitiert Karrer ein altes Sprichwort. „Ja, es ist das Chaos, das einen erfasst, wenn man von Alexandria mit dem Schiff nach Kairo fährt, nach einer mit Palmen umgebenen Wüstenlandschaft rechts und links des Flusses plötzlich in Horizontweite die Metropole Kairo erblickt“, ergänzt Christian Burchard.

Cover: Embryos Reise

Abendländische und morgenländische Architektur haben sich in der langen Geschichte der Stadt getroffen, sind ineinander übergegangen, haben sich vermischt und neu erfunden im Wüstenstaub, der täglich durch die Winde in die Ritzen der Mauern getragen wird. Der großartige ägyptische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfus verbrachte sein ganzes Leben in der Stadt, die vielen aufgrund des Smogs und des chaotischen Verkehrs schnell unerträglich wird. Sein für mich bestes Werk ist „Die Reise des Ibn Fattuma“, das 1983 in arabischer Sprache erschien und erst fünf Jahre später ins Deutsche übersetzt wurde. Der Roman beschreibt den jungen Helden Ibn Fattuma, den es mit einer Karawane in die Ferne zieht und der unter Liebeskummer leidet, nachdem ihm ein Kammerherr des Sultans seine geliebte Braut Halima wegnimmt. Enttäuscht setzt Ibn Fattuma seine Reise fort und sucht nach dem idealen Land. Er durchwandert Diktaturen, Feudalsysteme, kommunistische Polizeistaaten, wird verhaftet, wird wieder freigelassen. Wer mit dem Helden Ibn Fattuma reist, in seine Geschichten eintaucht, findet viele Utopien der Menschheitsgeschichte wieder. Angelehnt an die arabische Tradition der Pilgerreise sind in dem Roman die Parallelen zu dem schon erwähnten Ibn Battuta unverkennbar.

Bild: dw/E Kheny

Alexandria und Kairo waren Drehscheiben des europäischen Gewürzhandels im Hoch- und Spätmittelalter. Venezianer, Genuesen und Pisaner lebten hier, betrieben ihre Funduqs, die ihnen als Lager-, Handels- und Schlafstätten dienten. Unter den Dynastien der Fatimiden und Mamluken gelangten begehrte Gewürze wie Kardamom, Muskatnuss, Pfeffer oder Safran aus Indien über das Rote Meer nach Ägypten, wo sie im Zwischenhandel den europäischen Kaufleuten übergeben und von diesen dann teuer in Europa weiterverkauft wurden. Auch qualitativ hochwertige Baumwolle aus dem heutigen Syrien und Libanon verschiffte man über Kairo und Alexandria nach Europa. Im Gegenzug erhielten die Mamluken von den Italienern Holz oder Eisen, also Rohstoffe, die im Orient kaum anderswo zu bekommen waren. Der Handelsaustausch zwischen Orient und Okzident lief weitestgehend friedlich ab. Die europäischen Kaufleute hatten in manchen Zeiten eine Kopfsteuer (dschizya) als nichtmuslimische Schutzbefohlene (dhimmis) zu zahlen, aber alles in allem kann man von einem friedlichen Leben im Miteinander sprechen. Von einem weitreichenden, ausgeglichenen Kulturaustausch darf man nicht ausgehen. Die Europäer profitierten viel mehr von der Begegnung zwischen Okzident und Orient, nicht zuletzt, weil ab dem 12. Jahrhundert verschüttgegangene Schriften des griechischen Philosophen Aristoteles durch Vermittlung der Araber wieder in Europa studiert werden konnten. Allein die von Europa ausgehenden Kreuzzüge unterbrachen den Handel in Zeitabschnitten. Auf dem Vierten Laterankonzil 1215 erließ Papst Innozenz III. das Verbot, mit den ungläubigen Muslimen Handel zu treiben. Die gierigen Venezianer (man nannte sie die reichen Pfeffersäcke) scherten sich trotz drohender Exkommunikation wenig darum und setzten das lukrative Geschäft dennoch fort. Es ist die Zeit des Frühkapitalismus, der in Italien seine Geburtsstätte hatte. Es verwundert daher nicht, dass noch heute gebräuchliche Begriffe wie Agio, Disagio oder Giro aus dem Italienischen stammen. Friedrich II. von Sizilien war ein Förderer der Geschäfte mit dem Nahen Osten und interessierte sich für den Kulturaustausch.

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Christian Burchards enge Beziehungen zu Kairo und Ägypten haben einen familiären Hintergrund.  Seine Tante Irmgard Burchard, die 1908 in Zürich geboren wurde, verstarb 1959 in Kairo, wo sie nach einem ähnlich bewegten Leben wie das der Band die letzten Jahre verbrachte. Sie war eine Malerin, die in der Künstlerszene damals enge Kontakte zu Pablo Picasso, Max Beckmann, Henri Matisse, Marc Chagall (sie malte ein Portrait ihres Freundes) oder auch den deutschen Schriftsteller Thomas Mann pflegte. Rein zufällig entdeckte ihr Neffe Christian 1979 auf einer seiner Welttourneen ein Buch in bengalischer Sprache mit dem Titel „India and the Germans“.  Das Buch enthält folgende Beschreibung seiner Tante. Ich übersetze einmal, was in englischer Sprache auf Embryos CD „Ibn Battuta“ aus dem Jahr 1994 notiert steht: „Die Schweizerin Irmgard Micaela Burchard-Simaika ist eine Malerin der besonderen Art gewesen. Sie vervollständigte ihre Werke auf vier Kontinenten (in Ländern wie der Schweiz, Brasilien, Ägypten, Indien). Sie malte Ausschnitte aus dem Orient und zeigte damit gleichzeitig die Sehnsucht der Frau nach einem Ausdruck des Menschen oder der Verkörperung eines einfachen Gottes an.“ Irmgard Burchard floh vor den Nazis, als im Jahre 1938 ihre bemerkenswerte Ausstellung „Entartete Kunst“ von den Schergen Hitlers gestürmt wurde. Nach Aufenthalten in Paris und Brasilien verbrachte sie mit Unterbrechungen ihre letzten Jahre in Kairo. Eva und Christian Burchard haben 1984 für mehrere Tage versucht, ihr Grab in Kairo ausfindig zu machen. Sie entdecken viele Grablabyrinthe, leider nicht den letzten Ruheort der Tante.

Im Jahresübergang 1989/1990 reist Christian Burchard mit seiner Frau Eva und der Tochter Marja nach Ägypten. Sie verbringen gemeinsam nur ein paar Tage in der Metropole, weil der Smog in der Stadt kaum erträglich ist. Mein ägyptischer Studentenfreund Gamal aus Münster antwortet mir einmal in typisch arabischer Bildersprache auf meine Frage, warum es ihm unmöglich sei, in Kairo zu leben: „Die Augen tränen wegen des Smogs dort den ganzen Tag, und wer tränende Augen hat, kann um das Land nicht mehr weinen.“ Es beschreibt die Verzweiflung, die junge Menschen damals wie heute ereilt, die Perspektivlosigkeit in einem Machtsystem, das nur wenige Freiheiten zulässt. „Aber ich liebe diese chaotische Stadt und sie wird immer mein Herz bleiben“, hat Gamal schließlich ergänzt.

Die Burchards zieht es in den Sinai, wo gerade eine Grenze zu Israel errichtet wurde. In Dahab bieten Beduinen ihre Kamele zu einem einstündigen Ausritt feil. „Eigentlich gehört den Beduinen ja das Land“, beginnt Eva ihre Schilderungen. Während sie den hinteren Aufstieg aufs Kamel zunächst gewöhnungsbedürftig findet, steigt ihre Tochter Marja, die damals vier Jahre alt ist, völlig unerschrocken auf das für die Beduinen so wichtige Lasttier, das ihnen wichtiger als Gold ist. Christian ergänzt, dass es nach Dahab viele Individualtouristen hinzieht. Nach dem Ausbau des Flughafens Sharm El-Sheikh zu Beginn des neuen Jahrtausends ist die ursprüngliche Magie von Dahab mittlerweile großen Hotelanlagen gewichen, und Dahab ist nur ein Beispiel dafür, wie der zunehmende Pauschaltourismus die letzten Weltorte alternativen Lebens auffrisst und zu Mammon ausspuckt.

Bild: Geo-Welt- Der Anführer der Abada-Beduinen/Einmal im Jahr treffen sich die Beduinen Ägyptens in Nationalpark n Nationalpark Wadi el Gemal, um ihre Bräuche aufleben zu lassen

Christian trifft bei den Beduinen unterdessen zufällig auf einen Mann namens Scheich Ali, der noch die Rebab spielt, dem orientalischen Vorläufer der Geige. Das Instrument wird auf Knien gespielt und hat häufig nur zwei Saiten. Ihre Form weist einen runden oder rechteckigen Resonanzkörper auf und ist mit einer Decke aus Tierhaut umgeben. Das Instrument ist im 13. Jahrhundert von Nordafrika über das maurische Spanien nach Europa gekommen und auch im Osmanischen Reich ein beliebtes Instrument der Unterhaltungsmusik gewesen. Ihr Tonumfang reicht meist nicht über eine Oktave hinaus. Für die klassisch arabische Musik passt der Umfang, denn die Araber sind früher von acht Tönen ausgegangen, die sie allerdings in 16 bis 20 Töne unterteilt haben. Vom arabischen Rast bis zum Sikah bildet das arabische Maqamat ein wesentliches Grundmuster orientalischer Musik. „Arabische Musik bewegt sich ohnehin mehr im Mikrotonbereich“, erklärt Karrer.

Ein paar Tage später muss Christian mit dem Landbus zurück nach Kairo, weil er auch im Auftrag des Bayrischen Rundfunks unterwegs ist, einen Kassettenrekorder mitgenommen hat und Chris Karrer zu Beginn des neuen Jahres in Kairo abholen möchte. Es geht darum, die Musikszene Ägyptens näher kennenzulernen und die Eindrücke festzuhalten. Die Aufnahme der Sendung des BR2 mit Chris Karrer und Christian Burchard stammt vom 17. März 1990 und ist ein einzigartiges Zeitzeugnis, das in seiner historischen Dimension erst zwanzig Jahre später erlebbar wird. Aber einmal der Reihe nach…

Die Stadt Kairo ist mit 16,2 Millionen Einwohnern vor Lagos (Nigeria) die größte afrikanische Stadt. Drei Millionen Menschen leben bereits Ende der Achtziger auf Friedhöfen, weil die Stadt jährlich berstet, keinen Platz mehr für die Menschenmenge bietet, die bei der Suche nach Arbeit ihr Glück in der Metropole versucht. Heute dürfte ihre Zahl auf über 4 Millionen gestiegen sein. Die Friedhofswächter in Kairo nehmen nicht zuletzt daher eine bedeutende Stellung ein. Das Alltagsleben ist bunt und schrill. Morgens karren Fellachen ihr Obst und Gemüse auf stinkenden, alten Lastwagen zu den Märkten der Stadt, ist der Verkehr nicht mehr wie Schritttempo, bleiben die Rufe von Marktschreiern und Muezzinen wie eine seltsam melodische Kakophonie unüberhörbar. „Man fühlt sich ständig beobachtet“, beschreibt Eva Pluwatsch-Burchard ihre Eindrücke. „Aber es ist eine schüchterne, freundliche Neugier, die einem begegnet, beispielsweise, wenn Frauen sich auf der Damentoilette gemeinsam mit Kayal nachschminken und sich dabei zulächeln“, ergänzt sie.

Zu Beginn der Achtziger sind musikalische Nachtklubs abgeschafft worden, weil sich eine Extremistenszene in Ägypten gebildet hat. Gemeint ist wohl die populäre Muslimbruderschaft Ägyptens, die bei der zumeist armen Bevölkerung durch Spenden und Wohltaten eine hohe Wertschätzung genießt und zugleich einen absolut islamischen Lebenswandel einfordert. Einige Nachtklubs haben sich Ende der Achtziger trotzdem wiederaufgebaut, doch das Nachtleben Kairos darf man sich keineswegs so wie in anderen Metropolen vorstellen. Trotzdem scheinen sich die Menschen zurechtzufinden mit dem, was sie haben. Unzufriedenheit oder Unfreundlichkeit beherrschen die Stadt nicht. Bunte Hochzeitsgesellschaften kolorieren den Alltag der Stadt. Manche Feiern finden sogar unter Nilbrücken statt. Über ihnen kracht dann der Abendverkehr zu Musik und Tanz.

„Musik hat in Ägypten einen ganz anderen Stellenwert als bei uns“, führt Karrer aus. Als der große ägyptische Musiker und Komponist Riad Mohammed Al Sunbati im Jahre 1981 verstarb, sollen sich Frauen völlig verzweifelt aus dem Fenster gestürzt haben, berichtet Christian. „Wie kann man sich die Musikszene heute in Ägypten vorstellen?“, werden beide gefragt. „Es ist für die meisten schwierig, davon zu leben. Aber es gibt auch die, die es zu Popularität geschafft haben.“

Chris und Christian sprechen über die ägyptische Sängerin Umm Kulthum, die in der arabischen Welt einen ähnlichen Ruf genießt wie Maria Callas oder die Rolling Stones in der westlichen Welt. Obgleich sie 1975 in Kairo starb, schwärmen noch heute alle von der unvergleichlichen Art ihres Sprechgesangs. Kulthum hat dreißig Jahre lang jeden Donnerstag ein neues Stück veröffentlicht und dafür gesorgt, dass unzählige Menschen in der arabischen Welt in respektvoller Festtagskleidung vor ihren Radios saßen und gebannt auf ihre Musik warteten. Für unsere westliche Welt, in der Nüchternheit und Rationalität vornehmliche Empfindungsprinzipien sind, eine schier unglaubliche Vorstellung. Jedenfalls wirft das ein Schlaglicht auf die Bedeutung von Musik in der arabischen Welt.

Bild: Embryo – Mohamed Mounir mit Embryo-Urgestein Roman Bunka

Die beiden Embryos treffen Anfang 1990 allerdings auch Musiker wie Mohamed Mounir in Kairo persönlich. Mounir ist der „King of Egypt“. Christian kennt ihn bereits seit 1984, wo er mit der Band damals in einem dieser musikalischen Nachtklubs aufgetreten ist. Um die politische Bedeutung dieses ägyptischen Musikers vorwegzunehmen: Mohamed Mounir hat seinen Song „Ezzai“ anlässlich der Revolution in Ägypten am 25. Januar 2011 aus der Schublade geholt und via Facebook mit Al-Jazeera-Bildern von den dramatischen Ereignissen rund um den Tahrir-Platz in die Welt gesendet. Unzähligen Menschen auf der ganzen Welt hat er mit diesem Stück aus den Herzen gesungen. Mehr als dreißig Jahre hat dieser populäre Musiker auf den Umsturz mit metaphorischen Anspielungen in seinen Texten hingearbeitet. Noch vier Monate zuvor musste Mounir zähneknirschend einer Einladung des ägyptischen Staatspräsidenten Mubarak zustimmen, bei der er ein Privatkonzert für die Luftwaffengeneräle zu halten hatte. Eine Ablehnung war nicht denkbar, und wäre Mubarak heute noch ägyptischer Staatspräsident, Mounir würde im Gefängnis sein. Der Sänger Adel Tawil, Sänger von Ich+Ich, war wenige Monate vor den Umstürzen in Kairo und hat den Musiker besucht. Gemeinsam haben sie das Stück „Yasmine“ aufgenommen, begleitet vom Embryo-Musiker Roman Bunka.  „Mounir ist die Seele der Revolution gewesen und mein Idol“, beschreibt Tawil, dessen Vater ägyptischer Herkunft ist.Mounir ist nicht nur Musiker, sondern auch ägyptischer Filmstar.

Adel Tawil, mit Mohamed Mounir und Roman Bunka live in Oberhausen 2010

Chris Karrer und Christian Burchard sind Anfang 1990 bei Mounir zu Hause, um Musik zu machen. Seine halbe nubische Familie wohnt bei ihm zu Hause. Sie haben dort Zelte aufgeschlagen und sind selbst Musiker.  „Sie haben allerdings eine Doppelfunktion“, erklärt Christian. „Sie halten ihm auch aufdringliche Fans und Telefonate vom Leib, denn es kommt immer wieder vor, dass Frauen, Fans oder Journalisten anrufen.“ Mounir ist schon zu dieser Zeit ein wirklicher Popstar im Land. Er singt seine Lieder in nubischer Sprache, eine rein gesprochene Sprache, die allerdings heute selbst von der nubischen Minderheit im Land kaum mehr verstanden wird. Etwa vier Millionen Nubier leben noch in Ägypten. Sie sind eine Minderheit, aber als Volk sehr stolz, weil sie gern auf ihre Geschichte blicken. Zuerst kam das Königreich Nubien, dann der Sudan und dann Ägypten. Sie unterscheiden sich von den Arabern durch eine dunklere Hautfarbe. Eine Mehrzahl von ihnen lebt heute in Südägypten. Die Grenze zum Sudan, wo ebenfalls noch viele Nubier wohnen, empfinden viele als künstlich, eine Empfindung, die im Nahen Osten auch anderswo häufig anzutreffen ist, weil nahezu sämtliche Staaten mit ihren Grenzen durch die einstigen Kolonialherren England und Frankreich festgelegt worden sind oder Rest des Osmanischen Reichs sind.

Das gemeinsam eingespielte Stück, das in der Aufnahme des Bayrischen Rundfunks zu hören ist, hat unterdessen noch keinen Titel, weil Mounir jedes in nubischer Sprache gesungene Stück auch in die arabische Sprache transkribiert. Und das kann etwas dauern. Ein Instrument, das in der nubischen Musik häufig gespielt wird, ist die Duff, eine Rahmentrommel mit oder ohne Schellenkranz. Der Embryo-Trommler Dieter Serfas hat die Duff Anfang der 90er auf einem Konzert gespielt, das ich in Gütersloh in der Alten Weberei besucht habe.

Bild: Embryo – Ali Hassan Kuban

Chris und Christian treffen danach noch den nubischen Sänger und Komponisten Ali Hassan Kuban, der 1929 oder 1933 in Gotha bei Assuan geboren wurde und 2001 in Kairo verstarb.

Kubans Einfluss auf die ägyptische Musikszene ist nicht zu unterschätzen. Nachdem 100 000 Nubier 1964 durch den Bau des Assuan-Staudammes vertrieben wurden, viele Dörfer und Lebensgemeinschaften einfach plattgemacht wurden (Garzweiler und Kohle machen lässt grüßen), wuchs bei den Exil-Nubiern die Sehnsucht nach ursprünglicher, nubischer Musik. Kuban verkauft Millionen von Kassetten. Nichtsdestotrotz transkribiert auch er seine Texte in die arabische Sprache. Anfang 1990, so berichten Chris Karrer und Christian Burchard, spielt Kuban auf traditionellen Hochzeitsfesten, unter anderem auch unter den Nilbrücken in Kairo. Wie Mounir wurde auch er zu einem gezwungenen „Staatsmusiker“, der auf Geburtstagen des Präsidenten Hosni Mubarak spielte. Man könnte meinen, die deutsche Redewendung „jemanden instrumentalisieren“ hat einen arabischen Ursprung, doch ist uns das auch aus europäischer Geschichte überhaupt nicht fremd, wenn man an Leonardo da Vinci denkt, der viele seiner Kunstwerke einem Mäzenatentum korrupter Fürsten zu verdanken hatte.

Die beiden Embryo-Musiker besuchen Kuban bei ihm zu Hause. „Zunächst war er sehr reserviert, weil er der westlichen Musik etwas skeptisch gegenüberstand. Als wir ihm dann ein bißchen von unserer Musik vorspielten, war das Eis gebrochen“, beschreibt Christian seine Eindrücke. Im Nubischen gibt es nach Kuban in der Region Assuan zwei Sprachen, die er singt: Kunuz und Fadiga. Jede hat einen eigenen Rhythmus. Ausgehend von den Grundrhythmen der nubischen Kaf-Musik hat Kuban mit der Zeit aber auch Jazz- und Funkrhythmen in seine Musik einfließen lassen. Kuban selbst spielt unter anderem die Oud, Akkordeon oder die Duff.

Als Kuban dann auf einem Embryo-Tape hört, wie der Embryo-Musiker Edgar Hofmann die traditionelle, arabische Flöte Nay spielt, ist er ganz angetan. „So eine Band habe ich noch nie gehört. Es ist selten, dass westliche Musiker arabische Musik so gut spielen. Es ist häufiger, dass arabische Musiker westliche Musik nachspielen.“ Als Christian fragt, ob Kuban auch eine Drum-Maschine bei seiner Musik nutzt, sagt er: „Oh, nein. Nubische Musik ist zu kompliziert, als dass man sie mit einer Maschine wiedergeben könnte. Außerdem will das Publikum richtige Instrumente hören.“ Zum Schluss erklärt Kuban, dass sein Haus auch Treffpunkt für Musiker aus dem Sudan, Ägypten und sogar aus Deutschland sei. Mit einem Abschlussständchen verabschiedet er sich von beiden.

Anschließend treffen sie Hassan el-Wakil, der nach eigenen Angaben der Erfinder des Vierteltons ist, sich als Pharao wahrnimmt und gerade einen musikalischen Handschuh erfunden hat, den er auf dem amerikanischen Markt vertreiben möchte. „Wakil hat ein großes Selbstbewusstsein“, ergänzt Christian.

Die Treffen mit den nubischen Musikern, die als Volk die ersten Pharaonen gestellt haben, haben bei beiden einen tiefen Eindruck hinterlassen. Chris Karrer führt aus, dass man sich aber nicht blenden lassen solle. Die Mehrzahl der Nubier in Ägypten ist arm. „Wenn ein Mohamed Mounir aber falsch in die Einbahnstraße fährt, salutieren ihm noch Polizisten.“ Alles hänge eben vom Status ab.

Zum Schluss ihrer Kairo-Reise begegnen sie dem Oud-Spieler Adib Sha’ban. Anlässlich eines gemeinsamen Konzerts tauschen sie sich über das Instrument „Oud“ aus. Wie viele deutsche Wörter uns arabische, persische oder indische Instrumente hinterlassen haben, macht sich nicht zuletzt an der Oud fest (eigentlich der Oud, aber viele Musiker sehen dieses Instrument als ihre Frau an). Unser Wort „Laute“ ist davon abgeleitet. Ebenso enthält unser Wort Gitarre das persische Wort „tar“ für die Saite. Das gemeinsame Konzert der beiden Musiker und Roland Schaeffer (Guru Guru) mit vielen ägyptisch-arabischen Musikern unmittelbar in Nähe des Tahrir-Platz Anfang 1990, der etwas mehr als zwanzig Jahre später Symbol der Ägyptischen Revolution werden sollte, findet in der Amerikanischen Universität in Cairo (AUC) statt und lockt viele Zuhörer an.

Embryos Beziehungen zu Ägypten und Kairo sind unter anderem mit Musikern wie Roman Bunka, Roland Schaeffer, Edgar Hofmann oder der Dissidenten-Fraktion um Uve Müllrich verbunden, die seit Jahrzehnten das Netzwerk mit ägyptischen Musikern pflegen und noch ausbauen, weil sie darüber hinaus jungen arabischen Nachwuchskünstlern stets eine Bühne geben.

Roman Bunka organisiert ein gemeinsames Embryo-Konzert mit seinem Lehrer Abdu Dagir in München, ein anerkannter Meisterviolinist und Komponist. Im Mai 2015 spielen Roman Bunka und Roland Schaeffer selbst in Kairo im El Genaina Theatre, unter anderem mit dem ägyptischen Musiker Fathy Salama. Wie sehr die Band Embryo lebt, wodurch sie lebt…? Wie beim Handzuginstrument des Akkordeons ziehen sich Musiker von Embryo zusammen und gehen wieder auseinander. Weit mehr als 500 Musiker gehören der Band an und machen ihre Geschichte, Gegenwart und Zukunft aus. Keiner besitzt keinen, aber alle besitzen etwas, was sie immer wieder vereint: Die Liebe zum Ursprung der Musik und ein einzigartig organisches Netzwerk, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Es ist ein Leben in ständiger Inspiration und für Sesshafte eine Faszination, die nur sehr schwer zu versprachlichen ist. Wenn Worte der Vielfalt der Töne nicht nachkommen können, droht man als Schreiberling zu scheitern. Ist Musik mehr als Text oder kann auch Text Musik sein? Diese Frage beschäftigt mich irgendwie bei diesen Geschichten.

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