Interview mit Julia Ohrmann – Das Instrument Bansuri

Julia Ohrmann hat nie bei Embryo gespielt, und dennoch gehört sie für mich zur großen Embryo-Gemeinde der Weltmusik und ist eine der wenigen Europäerinnen, die die indische Bansuri spielt. Ihr Konzert auf dem Roots-Revival in Bukarest 2017 mit Mehdi Aminian an der persischen Ney und Sudhir Bunda an den Tablas hat bei YouTube mittlerweile über 1,5 Millionen Klicks, und auch wenn ich sonst skeptisch bei solchen Zahlen werde, weil es in den vielen Fällen dann schon nicht mehr meinem Geschmack entspricht, freue ich mich hier wirklich über den Zuspruch. Für mich ist das ein einzigartiges Konzert gewesen, das die ganze Bandbreite von Weltmusik in märchenhafter Schönheit und ausgezeichneter Qualität über den Kanal Youtube wiedergibt, der ja manchmal durchaus Klangabstriche hervorbringt. Julia lebt in Rotterdam, lehrt Bansuri an der Hochschule für Musik in Detmold und ist eine offene,freundliche und empathische Person, die ähnlich wie Embryo immer wieder Brücken zu anderen Kulturen baut und in der Welt zu Hause ist.

Julia Ohrmann – Eine der wenigen Europäerinnen, die die Bansuri spielen – Bildquelle: Julia Ohrmann

Julia, du spielst seit Jahren die indische Bambusflöte Bansuri. Du hast auf dem Roots Revival in Bukarest 2017 mit Mehdi Aminian an der persischen Nay und Sudhir Bunda an den Tablas ein beeindruckendes Konzert gegeben. Wie hast du überhaupt deine Liebe zur Musik entdeckt?

In meiner Kindheit ging ich zur evangelischen Kirche und habe im Kirchenchor gesungen. Meine Liebe zur Musik enstand, als ich Bachkantaten und Oratorien an der Seite meiner Eltern und Schwester singen durfte. Meine Mutter hörte auch Panflötenmusik aus Chile (Inti Illimani), und ich hatte eine französiche Kinderliederplatte. Später folgte Klavierunterricht.

Hast du in der Schule guten Musikunterricht gehabt oder was hat deine Neugier geweckt, dich auch für das Erlernen eines außereuropäischen Instruments zu interessieren?

Ich habe im Schulorchester gespielt und später im Jugendsinfonieorchester, und das gefiel mir immer sehr. Aber meine Liebe zur außereuropäischen Musik habe ich in Paris entdeckt. Dort wohnend, bin ich in viele Länder gereist: Simbabwe, Marokko, Ägypten, Brasilien, karibische Inseln, la Reunion, Italien. Außerdem habe ich in der Pariser Musikszene die Einflüsse vieler Musikkulturen gehört und einige spielen gelernt. Ich habe lange Zeit Choromusik aus Brasilien in einem Ensemble gespielt. Damals nannte man das „La musique du monde“.

Die Bansuri gehört zu den Instrumenten, die ein wesentlicher Bestandteil der klassischen Raga-Musik ist. Man sagt, dass in ihrem Klang das Licht erhalten sei, in dem der indische Gott Vishnu wohne. Hast du dich mit der Mythologie des Instruments auseinandergesetzt und muss man das, wenn man das Instrument lernen möchte?

Die Bansuri wird von dem indischen Gott Krishna gespielt. Er wird vor einem pastoralen Hintergrund dargestellt mit Gopis, welche zu seiner Musik tanzen. Er ist stets begleitet und eng umschlungen von seiner Geliebten und Seelenfreundin Radha. Bansuri und die indische Mythologie sind eng miteinander verbunden, sie können aber auch separat erlernt werden. Ich unterrichte Bansuri, ohne diesen Mythos zu erwähnen.

Weltmusik ist ja ein großer Begriff. Kannst du mit dem Begriff etwas anfangen?

Ich gebrauche den Begriff nicht mehr. Ich gebrauche eher den Begriff akkustische Musik oder traditionelle Musik. Die Bansuri repräsentiert Folkmusik und Nordindische Klassische Musik, ist aber durch den Krishna-Mythos stark in der Bollywoodmusik vertreten. Heutzutage würde ich sagen, dass Ensembles eigene Kompositionen mit gewissen Instrumenten spielen, welche für einen gewissen Klang sorgen. Die Strukturen sind meistens die von Jazz oder Klassischer Musik.

Die Band Embryo um Christian Burchard hat ja schon früh Pionierarbeit geleistet. Christian hat das persische Hackbrett, die Santur, lange Zeit nicht gespielt, weil er der Meinung war, er spiele es noch nicht gut genug. Die Mikrotöne, die auch in der persischen Musikskala vorkommen, sind ja eine wirkliche Herausforderung. Kannst du einmal beschreiben, worin die Schwierigkeit beziehunsgweise die Herausforderung liegt, die Bansuri zu spielen?

Die Bansuri muss ‚in tune‘ gespielt werden. Es ist sehr schwierig und man muss sich aufwärmen, denn es ist eine technische Herausforderung. Die schönsten Herausforderungen sind:

1.Klang (Intensität, Tiefe, Wärme, Vibrato)

2.Kraft / Ausdauer (man muss die Finger spreizen, man braucht Kraft, man ist Solist und spielt fast immer, jede Ragaperformance gewinnt immer mehr an Intensität bis zum Ende eines jeden Konzertes)

3. Tuning, also Sauberkeit (Techniken wie gammaki, meend und murki) verlangen eine gute Fingerfertigkeit und ein gutes Gehör in Verband mit dem Drone oder auch Tanpura genannt.

4. Improvisation (Anwendung von ästhetischen Regeln, Freiheit binnen Struktur, Ausdauer, Kenntnis von Struktur und Regeln von Improvisation auf der Bansuri, z.B. die Abfolge von alap, jhod, jhala und Kompositionen und deren improvisierten Feldern geben die Basiskenntnisse)

5. Kenntnis von Kompositionen in verschiedenen Ragas und Talas

Indische und persische Musik sind durchaus miteinander verwandt, aber führen auch Unterschiede auf. Kannst du dem Musiklaien, und ich zähle mich dazu, einmal genauer erklären, worin die Ähnlichkeiten und die Unterschiede dieser traditionsreichen Musikkulturen bestehen?

Raga und Maquam folgen verschiedenen Gesetzen der harmonischen Schwerpunkte. Maquam hat außerdem Mikrotöne, die Bansuri spielt nur Halb-und Ganztöne. (Manche Töne werden geschwingt und so werden Mikrotöne auf einem Ton erzeugt, aber dazu muss man den Gesetzen bestimmter Ragas folgen, z.B. in raga Bhairav.) Maquam hat kurze alaps, welche man taksim nennet, glaube ich, und die Bansuri hat sehr lange alaps, zumindest in der Gharana meines Lehrers. Klassische Nordindische Musik hat rhythmische Zyklen und viele rhythmische Kombinationen (tihais), iranische Musik ist mehr durchkomponiert und beruht auf Poesie, kann also Strukturen von Refrain und Strophe haben.

Julia Ohrmann live mit Bodek Janke im Kölner Stadtgarten – Bildquelle: Julia Ohrmann

Du hast den universitären Weg eingeschlagen, um deine Musikkenntnisse zu erweitern. Es gibt auch einige Stimmen, die sagen, ein Studium der Musik begrenze eher den Musikhorizont als dass es ihn erweitere. Was sagt du solchen Stimmen?

Es kann blockieren, mich hat es zugleich blockiert und bereichert. Vielleicht hätte ich gerne früher mit Bansuri begonnen (Ich habe erst im Alter von 28 begonnen, mich dafür zu interessieren), aber ich bin froh, dass ich an der Sorbonne studiert habe und etwas über die vergleichenden Künste der europäischen Musik-Literatur-Architektur – und Kunstgeschichte gelernt habe, und dass ich in Solfege – und Harmonielehre trainiert wurde. Das Gehörtraining hat mir geholfen, um Bansuri zu lernen.

Letzte Frage, zu der ich leider etwas weiter ausholen muss. Im Fach Ethnologie gehört es für die Promotion nach international anerkanntem Standard dazu, mindestens ein Jahr Feldforschung bei einer außereuropäischen Ethnie zu betreiben, in der Sprache und Zeichen erlernt werden, um die Ethnie und ihre Welt beschreiben zu können. Es kommt dabei bis heute immer wieder zu Übersetzungfehlern, die Missdeutungen und Falschinterpretationen nach sich ziehen. Wenn das Spielen eines außereuopäischen Instruments aus der Perspektive eines Europäers ebenfalls als Übersetzung gesehen wird, ist es da nicht vorprogrammiert, dass auch hier Fehler entstehen? Oder bist du eher der Ansicht, dass es nicht darum gehe, das Instrument aus einem anderen Kulturkreis so perfekt zu spielen, wie die „Natives“ es tun, sondern vielmehr darum, dass man auch seine eigene Persönlichkeit einbringt?

Ich habe sechs Jahre transkribiert (30 Minuten Bansuriaufnahmen von Pandit H. Chaurasia pro Semester, welche er für mich aufnahm). Diese Aufnahmen habe ich aufgeschrieben und auswendig gelernt. So habe ich verschiedene ragas und talas, Strukturen und Genres (folk, ghazal, fusion, Nordindisch klassische Musik) gelernt zu erkennen und zu imitieren. Mein auswendig gelerntes Repertoire habe ich immer meinem Guru vorgespielt und mit ihm besprochen und geübt, dann musste ich es zweimal im Jahr aufführen. Außerdem gab er Unterricht, indem er vorspielte und ich, oder eine Gruppe von Schülern nachspielte und imitierte. Vieles wurde sehr geduldig wiederholt, es wurde wenig analysiert oder erklärt, sondern nur vorgespielt. Die Analyse fand bei den Transkriptionen statt. Das habe ich mit meinem damaligen Lehrer Henri Tournier gemacht. Ich übe noch stets mit meinen Transkriptionen, und sie geben mir Halt. Dennoch bekomme ich heutzutage mehr Unterricht in Improvisation, wenn ich Masterclasses mit H. Chaurasia folge. Man nennt es das Verarbeiten und das Gebrauchen des unbewussten Materials (unconscious material). Heute spiele ich 50 Prozent auswendig und improvisiere 50 Prozent. Viele lange Aufenthalte in Indien in der Schule meines Lehrers haben es mir auch erlaubt, zu hören, wie die indischen Schüler üben, und ich konnte so wiederum von ihnen lernen. Dennoch habe ich das Gefühl, nur 30 Prozent des ganzen Repertoires zu kennen. Außerdem spreche ich keine Sprache Indiens.

Der indische Gott Krishna an der Bansuri – Karikatur / Bildquelle:https://www.pinterest.de/pin/823877325557893509/

Woher kommt dieser Geist der Musik?

Ich bin der Überzeugung, dass klassische Musik von Folksmusik abstammt und diese wiederum von der Sprache und ihren Dialekten kommt. Sprache und Dialekte haben Akzente und diese bestimmen die Akzente in der Musik und vielleicht auch den Groove. Wenn ich lange nicht in Indien war und keinen Unterricht hatte, spiele ich auch immer weniger indisch. Ich kann den indischen Flair aber auffrischen, indem ich viel Repertoire aus Indien höre und viel übe. Mein Guru sagt, dass jeder Bansuri und indische Musik lernen kann und seine Großzügigkeit hierin ist beispielgebend. Aber um Tradition weiter führen zu können, sollte man kleine Dinge verändern und variieren. Dazu muss man sich auch erstmal trauen. Eine Kopie seines Lehrers zu sein, ist vieleicht nicht so interessant. Wenn ich von Herzen spiele und in guter Form bin, dann leben meine europäischen und indischen Seelen gleichzeitig auf und dann ist das wahrscheinlich auch ein wahrer künstlerischer Moment.

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