Menschen, Künstler, Musik und Musikindustrie

Amy Winehouse ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, dass die Musikwelt völlig anders tickt und immer mit einem Bein mit dem Wahnsinn verbunden ist. Bill Ashton, der Leiter des „National Youth Jazzorchestra“ in London, erinnert sich in einer Dokumentation über Amy so an die erste Begegnung mit ihr: „Wie konnte ein 16-jähriges Mädchen sich anhören wie eine 50-jährige schwarze, amerikanische Sängerin?“[1]

Embryo, Ton Steine Scherben und andere Bands suchten mit dem Schneeballverlag früh eigene Vertriebswege, um der Musikindustrie zu entgehen – Bildquelle: Embryo

Amy auf Abwegen

Die jüdische Familie wuchs in Camden, einem Stadtteil von London, auf. Amy ist durch ihren Vater zur Liebhaberin von Jazzmusik geworden. Mitch Winehouse war Taxifahrer, und wenn er gegen elf Uhr abends nach Hause kam, wollte er noch seine Tochter sehen. Dann sangen sie gemeinsam Jazzsongs, und der Vater ließ immer das letzte Wort eines Liedtextes aus, sodass Amy es ergänzen konnte. In der Schule störte Amy permanent den Unterricht, weil sie sang. Als sie neun Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern. Amy schien damit lange klar zu kommen, aber dieser Riss machte ihr in Verbindung mit ihrem Traum, Jazzsängerin zu werden, schließlich doch mehr Probleme. Sie störte weiter den Schulunterricht, und irgendwann brach sie die Schule ab, weil es so nicht mehr weiter ging.

Bald wurde Island Record auf ihre Gesangstalente aufmerksam. Ihr Manager Nick Godwyn erlebte gleich, wie selbstbestimmt Amy’s Vorstellungen waren. Sie wusste gleich, mit wem sie zusammenarbeiten wollte. Was sich auch in anderen Dokumentationen über sie gut nachvollziehen lässt, ist der Punkt, wie sehr ihr Talent, der Wille zur Selbstbestimmung und ihr Künstlerdasein sie innerlich vereinsamen lassen. Sie beginnt zu trinken, wird durch ihren Freund heroinabhängig, und alles das, obgleich die Familie zu ihr steht, ihre Jugendfreunde eng in ihrem Leben bleiben. Selbst der Manager Nick Godwyn ist niemand gewesen, der allein an der ökonomischen Ausbeutung ihrer Kunst interessiert gewesen ist. Gemeinsam mit dem Vater redet er ihr zu, eine Entziehungskur zu machen. Aber Amy will nicht und schreibt darüber den Song „Rehab“: „They tried to make me go to rehab, I said, no, no, no…“

Ab Ende der 70er lebte Embryo als Kommune lange in der Oefelestraße in München – Es war ein Kommen und Gehen – So sieht das Gebäude heute aus – Bildquelle:Embryo

Andere Frequenzen

Nein, ich glaube, es sind einfach die anderen Frequenzen, mit denen viele Künstler das Leben wahrnehmen. Das schafft mitunter Genie und Wahnsinn in einer Person, oder wie Juliette Ashby, die beste Freundin von Amy es beschreibt: „Das ist wie ein Albtraum im Paradies.“ Es ist die innere Einsamkeit, die ein ganz hoher Preis für das ist, was mit dem Kreativen und Schönen und Einmaligen verbunden ist. Inselbegabungen, Inselerfahrungen, Inselerlebnisse. Und zu häufig fährt kein Schiff aufs Festland. Wenn dann Erfolg, Ruhmsucht und Drogen hinzukommen, entsteht in der Seele ein merkwürdiges, explosives Gemisch aus Selbstliebe und Selbstzweifel, denn hinter der Maske von Künstlern lauern oft all jene verletzenden Kindheitserfahrungen, die nicht ausradiert werden können, nur weil man jetzt an Bedeutung gewonnen hat, nur weil Menschen für wenige Stunden das schätzen, was man tut, sich aber ansonsten nicht für das interessieren, was einen auch noch als Mensch ausmacht. Konstantin Wecker hat einmal sehr gut beschrieben, welche Leere er nach den Konzerten gefühlt hat, welche Einsamkeit, und wie er das Gefühl mit Drogen zu betäuben versucht hat. Mitunter kann das dazu führen, dass nichts mehr entsteht.

Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen, der in München gelebt hat, hat in der Nachkriegszeit mit „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ eine großartige Trilogie verfasst. Der Verleger Peter Suhrkamp war sogar danach bereit, immer wieder Vorschüsse für das nächste Werk von Koeppen zu zahlen. Was er nicht wusste oder berücksichtigt hat, war die Tatsache, dass der Vorschuss in teure Weine investiert wurde, und die teuren Weine in den Mund seiner alkoholkranken Frau statt in die Finger des Schriftstellers flossen.

Musikindustrie versus künstlerischer Freiheit

Die interessengesteuerte Musikindustrie hat diese Inselbegabungen von Musikern allzu häufig versucht, einseitig zu kanalisieren. Das ist nicht immer schlecht gewesen, aber hat auch häufig zu einer Tendenz geführt, dass Kreativität und Kunst sich nach dem zu richten hatte, was gerade „in“ ist. Aus diesem Grund hatte die Band Embryo auch beschlossen, das lukrative Angebot der Plattenfirma BASF 1975 auszuschlagen und mit TonSteineScherben und dem April-Musikverlag, später Schneeball, alleine den Vertrieb zu übernehmen. Der Band, und das muss man deutlich hervorheben, waren die Selbstbestimmung und die künstlerische Freiheit wichtiger als alles andere. Nichtsdestotrotz erlebte die Gruppe kurz danach eine große Krise, die fast zur Auflösung der Band geführt hätte.

Roman Bunka (Mitte) war für die Indienreise entscheidender Motor – Bildquelle: Embryo

An dieser Stelle ist Roman Bunka zu nennen, der mit seinem Spirit und der Idee der Asienreise die Band aus der Sinnkrise holte. Bunka erinnert sich: „Es war damals so ein Gefühl wie: Wir sind tot. Es fehlen die Ideen zu etwas Neuem.“ Bunka, der zuvor schon einen Trip nach Indien unternommen hatte und dort den indischen Trommler Trilok Gurtu kennenlernte, schlug der Band vor, die Reise zu machen. Christian Burchard reagierte zunächst skeptisch. Irgendwann aber fingen alle Feuer und Flamme. Die Dokumentation über die Reise kann mittlerweile über die Tube abgerufen werden.[2]

Embryo sind wir irgendwie alle

Es ist eine der ungewöhnlichsten Musikdokumentationen, die es gibt, und man kann der Band, den Mitreisenden und dem Filmemacher Werner Penzel gar nicht genug dafür danken, dass sie damit völlig neue Horizonte geschaffen haben. Der Film erzählt sich selbst. Vielleicht aber sollte man noch erwähnen, dass Embryo`s Connections zu den Goethe-Instituten weltweit immer wichtige Anbindungspunkte waren und sind. Und an dieser Stelle muss man einfach auch Hartmut Geerkens nennen, der selbst Musiker ist, und die zahlreichen Reisen der Band als Mitarbeiter des Goethe-Instituts immer unterstützt hat. Oder Othmar Schreckeneder vom Schneeball-Verlag, der im Vertrieb und auch als treuer Freund der Band keine Mühen gescheut hat, sie alle jahrzehntelang zu begleiten. Viele haben vieles geleistet. Die, die hier keine Erwähnung finden, sollen sich daher einfach trotzdem angesprochen fühlen.

Wichtig war und ist, dass keiner in der Band die Bodenhaftung verloren hat. Das, was die Band an Reiseerlebnissen erfahren hat, ist aber ein Schatz, der so prägend für alle geblieben ist, dass allein hier die Frequenzen in der Gesprächsführung anders schlagen, wenn du mit den Musikern sprichst. Was vielmals einfach als Weltmusik abgetan wird, ist bei der Band in Wahrheit immer viel mehr gewesen, nämlich die Neugier und die Freude, über die Musik andere Horizonte zu entdecken, andere Denkweisen zu verstehen, von den anderen zu lernen. Es ist eine wertvolle Philosophie, für die ich die Band einfach unglaublich schätze, auch, weil keine andere Band diesen Ansatz so lange und so konsequent bis heute durchzieht.

Jenseits der Mainstreets

Die Genügsamkeit, mit der wie uns auch heute noch allein mit westlichen ThinkTanks abgeben, ohne einmal den Versuch zu starten, die Welt aus anderen Augen zu durchblicken, ist eine wesentliche Quelle für die Konflikte und Kriege in der Welt. Unwissenheit und Unverständnis sind mit der allein ökonomisch gesteuerten Globalisierung geblieben, obgleich uns die Neuen Medien gar alternative Quellen der Informationsbeschaffung bieten. Wir können wissen, dass jährlich unendlich viele Tonnen Plastikmüll aus Europa nach China verschifft werden. Wir können wissen, wie viele indigene Stämme Südamerikas durch die Zerstörung der Regenwälder ihrer Lebensgrundlagen beraubt wurden und noch werden. Wir können wissen, dass die zahlreichen Tuareg-Stämme in Mali, Algerien oder auch Libyen nie an dem profitablen Geschäft mit den Bodenschätzen beteiligt wurden. Stattdessen gibt es nur Mainstream-Meldungen über extremistische und islamistische Tuaregs in Mali, obgleich auch das nicht der Wahrheit entspricht. Viele Tuaregs sind friedlich geblieben. Wer hat den IS im Irak und in Syrien großgemacht? Wir können es wissen.

Die Ethnologin Anja Fischer hat mehrere Jahre bei den Tuaregs in Südalgerien Feldforschung betrieben – Bildquelle: http://www.imuhar.eu/site/de/nomadinnen/einfuehrung_nomadismus.php

Wer kennt die Geschichte der Pirahã-Indianer im Amazonas von Brasilien und warum war es mal das glücklichste Volk? Wir können es wissen. In ihrer Sprache gibt es keine Zahlen und keine Begriffe für die Vergangenheit, und die etwa 450 Mitglieder der Pirahã-Indianer haben eine ganz eigene Wahrnehmung von der Welt. Es war der amerikanische Autor Daniel Everett, der in den 70ern als Missionar hinging und dann selbst missioniert wurde von der Unschuld dieses Volkes. Das Volk pflegt eine gesangsartige Sprache, hat nur wenige Morpheme, aber glücklich waren sie. Sie haben sich nie mit dem Plastikmüll der Welt beschäftigt, sondern gingen mit Pfeil und Bogen im Wald jagen und tanzten zu ihren Ritualen.

Und heute? Heute tun sie das immer noch, aber es gibt zunehmend Probleme mit den brasilianischen Behörden und ihren Interessen, und ich prophezeie, dass sich die meisten von ihnen in zehn Jahren so zerstreut in den großen Städten Brasiliens als alkohoholsüchtige Bettler wiederfinden werden wie es den nordamerikanischen Natives, den Aborigines in Australien, den Tuaregs der Kel Ahaggar in Südalgerien und den vielen anderen Stämmen schon passiert ist. Weil sie keine Masse präsentieren, werden sie von unserer westlich ökonomisierten Welt einfach verschluckt. Das passiert seit Jahrzehnten mit Stämmen und Völkern überall und auch, wenn man mit diesem Begriff vorsichtig sein muss, ist das für mich eine kontinuierliche Geschichte von Völkermord, der viel subtiler fernab unseres eigenen Horizonts stattfindet.

Weltmusik und Sonne tanken

Sind wir also wahnsinnig, weil wir nicht wahnsinnig werden? Wer in diesen Wirklichkeiten nicht wahnsinnig oder militant werden will, muss Idealist bleiben und zumindest jene unterstützen, die im analogen Leben eine andere Philosophie pflegen und mit traditionellen Instrumenten aus anderen Kulturen und mit einem langen Atem einen Hauch von dem ins 21. Jahrhundert rüberretten, was wirklich bewahrenswert ist. Die schöne Seele der vielfältigen Welt und Menschen, die diese Sonne noch suchen. Kunst und Kultur bleiben dafür lebenswichtige Nischen. Und Weltmusik.

Viele Aussteiger suchen heute noch alternative Welten – Darüber kann man Romane schreiben – Bildquelle: https://www.stories-and-friends.de/

Dafür stehen natürlich nicht nur Embryo, sondern auch viele andere Künstler wie John Mc Laughlin, Peter Gabriel, Camel (Rajaz) oder Youssou N’Dour. Musik ist nicht nur eine Kunstform, sondern der friedlichste Weg, sich in der Welt zu begegnen. Und statt Waffen in alle Welt zu liefern, wäre uns sehr damit geholfen, Instrumente zu exportieren und einen Geist, der offen für unterschiedliche Wahrnehmungen bleibt. Die Musikindustrie ist da so lange nicht daran interessiert, wie es sich nicht verkaufen lässt. Der Impuls kann also nur von denen ausgehen, die interessiert daran sind und zu den Konzerten nationaler und internationaler Musiker gehen, die mit ihrer handgemachten Musik so viel zu sagen haben.

Neil Young zur Zukunft der Kunst

Neil Young hat das Dilemma, das die Musikindustrie und die Neuen Medien maßgeblich mitgeschaffen haben, auf den Punkt gebracht. „Young artists today, great authors, songwriters and musicians at the beginning of their creative output, are challenged to make ends meet in the digital world, a world where the artist is paid last, if at all, by the Tech Giants.“[3] Und weiter führt er an dieser Stelle aus: „Today, in the age of FaceBook, GOOGLE and Amazon, it’s hard to tell how a new and growing musical artist could make it in the way we did. The Tech Giants have figured out a way to use all the great music of everyone from all time, without reporting an artist‘ number of plays or paying a fucking cent to the musicians. Aren’t they great companies!!! It makes you wonder where the next generation of artists will come from. How will they survive?“

Analoge Kulturen wieder fördern und schätzen

Genau aus diesem Grund ist es auch so wichtig, gegen die technische, kalte und unendliche Abrufbarkeit von Musik mit analogen Konzerten und Konzertbesuchen Akzente zu setzen. Jeder Musikliebhaber sägt an seinem eigenen Ast, wenn er zu Hause im „Cocooning“ Musik nur noch über die Tube abruft. Ich will nicht sagen, dass diese Abrufbarkeit schlecht ist. Sie hat gute Seiten, weil sie Musik aus dem Grab geholt hat, die man anderswie nie gehört hätte, zu denen man nie einen Zugang bekommen hätte. Darunter meine ich beispielsweise Live-Aufnahmen von Gentle Giant oder Steve Hillage, Live-Aufnahmen vom Mahavishnu Orchestra oder frühe Auftritte von Can. Es mag widersprüchlich sein, dass Neil Young’s News Archive nur über Facebook oder einen Google-Mail-Account zugänglich ist. Und auch diese Recherche über die Band Embryo wäre ohne Nutzung der Neuen Medien so in der Form nicht möglich gewesen. Aber wahr bleibt, dass man Musik und Musiker, ja, der Kunst allgemein am besten hilft, indem man Konzerte, Lesungen und Ausstellungen besucht. Auf Youtube begegnet man nämlich niemandem.

Embryo zu Beginn des letzten Jahrzehnts vor der Jahrtausendwende in Japan – Bildquelle: Embryo

Es ist gut, dass Marja und die Bandmitglieder den Stil der Band Embryo fortsetzen, mit dem Bus quer durch Europa und andere Kontinente fahren, um mit Musik leise und laute Botschaften zu setzen. Wenn man sich in Künstler hineinversetzt, so kann man mitunter spüren, welche Leidenschaft sie durchdringt, welche Hingabe sie bewegt, welchen Schmerz sie in sich tragen, welche Botschaft sie vermitteln wollen, ohne groß zu reden. Christian Burchard hat manchmal auf Touren morgens um sechs Plakatierungsaktionen für Konzerte an Orten gestartet, obgleich das Konzert etwas achtzig Kilometer weiter stattfand. Das mag für viele absurd sein, verzweifelt wirken, aber wenn man überlegt, dass jeder Ort auf der Welt gleich gut ist für die Message, die man transportieren will, macht es auch überall gleich viel Sinn. Jeder nüchterne Musikbetrachter würde das abfällig nach dem Nutzenprinzip kommentieren und dabei übersehen oder nicht verstehen, was dahintergesteckt hat.

Christian Burchard hat im Spirit jeden geschätzt, der sich einfach nur für die Musik und andere Kulturen interessiert hat. Namen waren immer bedeutungslos für ihn. Als ich ihn im Mai 2015 anrief und ihm von meinem Vorhaben einer Embryographie berichtete, die auch ethnologische Hintergründe des Schaffens aufzeigen möchte, kam eine Woche später ein großes Paket mit viel Material aus Geschichte und Gegenwart der Band an. Das hat er alles bei Trikont in den Büroräumen zusammenkopiert. Wenn er nicht auf Tour war, war er zu Hause rastlos, hat neue Projekte geplant, neue Konzerttermine geplant oder Pressemitteilungen geschrieben. Diese Unruhe konnte zuweilen auf die Nerven gehen, wie mir berichtet wurde, aber er musste einfach immer was machen. Bei der Auswahl der Spielstätten war er auch eigen. Wo es ihm nicht gefiel, hat er nicht mehr gespielt. Das war immer eine Sache der Sphäre.


[1] https://www.youtube.com/watch?v=r-dR6nq1BfQ

[2] https://www.youtube.com/watch?v=lN6xMtDvJCQ

[3] https://www.neilyoungarchives.com/#/news-article?id=GOOGLE%20AND%20ARTISTS&_k=hqoja3

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