Münchener Freiheit

Wir gehen durch Blumen, Wolken, Meere. Am Ende bleiben wir an einem Grashalm hängen, stolpern, scheitern. Unverständlich, so unverständlich wie Stefan Zauners Musikweg von Amon Düül II zu „Ohne Dich (Schlaf ich heute Nacht nicht ein)“. Ich schlafe seit vielen Nächten nicht mehr ein. Weil die Blumen noch da sind, die Wolken, die Meere. Ich kann in der Hölle wohnen, im Himmel sein. Unter ihrem braunen Nagellack befand sich einmal Dreck. Sie sagte: „Dreck muss weg!“ Für mich war es Gold.  Eine Sache der Bewertung. Sie überprüfte täglich jeden Quadratmillimeter ihres Körpers, während draußen Kriege tobten. Die Kriege draußen halten an, ihre Fingernägel waren immer sauber.M

Im „Morning Echo“ frühstückt ein Professor für Friedensforschung. Er sagt, die Welt sei in Unordnung geraten. Ich höre, wie er Butter auf das knusprige Brötchen streicht. Die Moderatorin, eine junge Nachwuchshoffnung, mümmelt mit Leberwurst im Mund, ob es sein kann, dass die Welt nie in Ordnung gewesen sei – was denn heute nun genau anders sei? Der Professor antwortet, dass man das morgen schon sehen werde, was heute anders sei. Die Moderatorin verweist schließlich auf die herzhaften Brötchen und auf die Erotik eines gemeinsamen Frühstücks.

Ich setze mich an den Schreibtisch, schreibe weiter an der Embryographie. Das bin ich Christian Burchard schuldig, der auch immer seine Münchener Freiheit gelebt, dabei über Jahrzehnte Steilpässe, Berge und Meere überwunden hat. Flugangst hat er gehabt. Daher die Weltreisen der Band mit dem Bus. Nein, falsch. Das muss ich korrigieren. Mit dem Bus, weil die nächste Musik auf dem Weg liegt, und ein Embryo sich immer entwickeln muss. Mit dem Bus, weil man sich dann als Mensch näher ist, mehr Menschen auf dem Weg mitnehmen kann, Menschen, die keine Passagiere sind. Ich denke an Jenny. Sie ist jetzt irgendwo da draußen ein Passagier.

Im „Morning Echo“ erläutert der Professor gerade, dass das Transatlantische Bündnis unter Trump eine Farce sei. Für eine nachhaltige Friedenspolitik brauche es ein starkes Europa. Die Moderatorin entgegnet, dass das doch das Problem sei, dass Europa gerade selbst zerfalle. Sie hat ihr Brötchen mit Leberwurst aufgegessen und betont das, weil sie sonst nie so viel am Morgen esse. Der Professor lacht und antwortet, ein gutes Frühstück sei die beste Grundlage für den Frieden.

Jenny hat eine Krise. Eines Abends kommt sie wieder, schnauzt mich an, ob ich mich denn nur in meine Kunstwelt zurückziehen wolle, nicht mal einen vernünftigen Job ausüben wolle. So wie sie.

„Ich arbeite jeden Tag“, antworte ich.

„Das kann ja jeder sagen. Bist mal wieder mit dieser Band beschäftigt. Was soll das?“

„Es hat für mich einen Wert.“

„Und wer bezahlt das alles hier? Mit Büchern verdienst du heute kein Geld mehr.“

„Genau das ist ein Problem. Ein Problem der Welt.“

Im „Morning Echo“ hat mal jemand gesagt, dass man heute mit Scheiße Geld machen könne. Was es da nicht alles gebe. Poduschen, Arschhaarentferner. Die Liste sei lang. Es komme nur darauf an, sein Produkt richtig zu verkaufen. Eine Eilmeldung der Moderatorin hat ihn unterbrochen. Der oberste Geheimdienstchef der Ukraine sei laut Reuters zurückgetreten. Eine halbe Stunde später das Dementi, und die Welt ist wieder am Arsch gewesen. Die Moderatorin hat noch gewitzelt. „Brauche ich Lockenwickler für Achselhaare?“ Sie hat gelacht. Aber der Mann hat ihr geantwortet, dass der Haarwuchs von Menschen sehr individuell sei, man die unterschiedlichen Bedürfnisse eben befriedigen müsse.

Jenny ruft an. Und schweigt. Eine Minute lang vielleicht. Ich höre ihren tonlosen Atem, der keine Oktave mehr schafft. Sie schweigt und meint: „Hast du mir vielleicht was zu sagen?“ Ich lege auf. Sie versucht es erneut. Ich nehme nicht ab. Ich lege die erste Platte von Embryo auf. Opal. Für mich ist die Zeit stehengeblieben und weitergegangen. Ich liebe diese Münchener Freiheit, heute im Jazz, morgen im Rock und übermorgen in der Weltmusik zu Hause zu sein. Dann bist du überall zu Hause und brauchst nicht „Ohne Dich (Schlaf ich heute Nacht nicht ein)“. Das braucht kein Mensch, weil der Mensch seine eigene Wahrheit geworden ist. Und seine eigene Lüge. Die Menschheit ist eine Ansammlung von WahrheitsLügen.

Draußen zieht ein Unwetter auf, aber in der Wohnung ist es gemütlich. „Morning Echo“ fällt heute aus. Ich bleibe im Bett liegen, und es ist still geworden. Jenny ruft nicht mehr an. Die Fertigpizza am Mittag ist mein erstes Lebenszeichen. Mit vollem Bauch ziehe ich mich an, die Rollläden hoch. Gegenüber vom Balkon schaut mich Frau Neuenhof mitleidig an. Jetzt erst aus dem Bett? Unwetter, Frau Neuenhof, Unwetter. Ich bin eigentlich schon längst wach. Ich schlafe nachts nicht mehr ein, weil der Krieg zum Tag geworden ist. Und der Tag zum Krieg. Bald wird es finanziell schwierig. Jenny hat es vorausgesagt. Ja, Jenny. Ist Realität, wenn der Kühlschrank leer ist? Oder doch das Unwetter, das bald abzieht. Nahezu Vollbeschäftigung meldet das Land, aber vier Millionen leben im Prekariat. NO MAN’S LAND.

Wir waren damals auf La Gomera. Haben alles geteilt mit denen, die sich Hippies nannten. Dann fing der erste an, nicht mehr zu teilen. Das hat sich rumgesprochen. Dann teilte plötzlich der zweite nicht mehr. Ich kann alle Geschichtsbücher wälzen und finde dort die gleichen Geschichten. In der Geschichte findet man immer die gleichen Geschichten. Erst zündet eine Idee, dann verbrennt sie. Jenny ist verbrannt. Wir sind verbrannt. Wir waren im Himmel, ich wohne nun in der Hölle, bin im Himmel, denke an sie und die gemeinsamen Zeiten. Was das Leben mit uns macht. Vielleicht doch eine Podusche?

Ich habe Talent. Jenny hat es gesagt. Ich bin ein Mensch. Ich habe das gesagt. Wir waren Menschen. Die Menschen haben das gesagt. Wer wann was gesagt hat, bleibt im Fluss. Und der Fluss ist egal, war gestern noch egaler und vorgestern am egalsten. Weil immer jetzt ist, alles jetzt ist, ist die Vision eine Krankheit geworden. Ich schreibe das auf. Ich schreibe auf, dass ich krank bin, weil ich Visionen habe. Weil ich den Himmel sehe und in der Hölle wohne. Neben mir sitzt plötzlich Jenny und begutachtet jeden Millimeter ihres Körpers. Dann verschwindet sie wieder. Glückliche Zeiten waren das. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht mehr.

Der Kühlschrank bleibt leer. Ich muss nach draußen. Das Unwetter ist Geschichte. Beim Bäcker nebenan ist man unfreundlich. „Wir haben altes Brot von gestern.“ Ich will ja nur ein Brot. Ein Brot Freundlichkeit. Ein Gespräch vielleicht gratis dazu. Wir sind Zahlen geworden. „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren,…“ Ach, der Romantiker. War der nicht später in einem Turm eingesperrt? Nein, das war Hölderlin. Novalis und Hölderlin sind Geschichte. Die Texte und die Musik. Embryo lebt dagegen. Und ein Embryo muss am Leben bleiben. Mit Brot und neuem Eifer setze ich mich an den Schreibtisch. Draußen strahlt die Sonne.

Im „Morning Echo“ spricht jemand über die Endzeitvorstellungen im Mittelalter. Das ist interessant. Ich klappe den Laptop zu. Was hat der Mann zu sagen? Das Mittelalter ist ja hochaktuell. Mit Mitte Vierzig. Jenny ruft an, ich stelle das Radio aus.

„Hast du heute Abend Zeit?“

„Ja. Warum?“

„Ich muss mit dir reden.“

„Worüber?“

„Sag ich dir dann.“

Gegen sechs?“

Ja, das ist gut.“

Gut ist relativ. Sie wird den Kühlschrank inspizieren, das alte Brot, meinen Zustand.

Sie kommt herein, eine kurze Umarmung. Ihre Jeansjacke bleibt am Körper kleben. Sie setzt sich aufs graue Sofa, mustert das Sofa, mustert mich. Sie ist Laborantin. Da ist jeder Millimeter wichtig.

„Schlecht siehst du aus. Übermüdet. Immer noch Schlafprobleme?“

„Hat sich nicht gebessert.“

„Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt mit Jürgen zusammen bin.“

„Und deswegen bist du gekommen?“

„Ich wollte sehen, ob es dir weh tut.“

„Aha. Und was siehst du?“

„Es ist dir egal.“

Sie steht abrupt wieder auf, geht grußlos an mir vorbei und verlässt die Wohnung.

Am nächsten Abend bin ich auf der Kunstausttellung von Jürgen. Er hat sich groß aufgeplustert, zeigt den zehn Besuchern seine neuen Werke. Jenny schaut zu ihm hoch. Sie ist jetzt dreißig Jahre alt. Da schaut man noch zu manchen hoch. Zu mir schaut sie vom Podest aus runter. Ich bin Publikum, ein alter, böser Geist. Jürgen erklärt gerade ein Bild, auf dem Bierkisten als Treppenstufen zum blauen Himmel zu sehen sind. Er nennt es „Bierway to Heaven“. Ich mische mich ein.

„Sind die Flaschen leer oder voll? Das sieht man nicht. Wo ist da die Botschaft?“

Die Besucher lachen.

„Das kommt immer auf den Betrachter an, Gregor. Bei manchen sind im Leben schon frühzeitig alle Flaschen leer.“

Gut gekontert. Ich gehe ohne Häppchen. Ich kenne die Salamischnitten von Jenny.

Im „Morning Echo“ spielen sie heute ausnahmsweise mal nur Musik. Es wird zu viel geredet in der Welt. So hat man das begründet. Sie spielen Blues, Jazz, Soul und Funk. Ich lege Embryos Reise auf. Als DJ kann man sich seine eigene Welt formen. Später ist John Mc Laughlin dran. Kein Wort geht am heutigen Tag in die Bandbiographie ein. Es wird zu viel geschrieben in der Welt. Was soll da noch mein Beitrag? Am Nachmittag prüfe ich meine Mails. Eine Frau mit Namen Petra hat mich angeschrieben. Sie will wissen, ob ich schon an einem neuen Roman schreibe. Nein, schreibe ich freundlich zurück. Ich war vor wenigen Tagen beim Bäcker nebenan und weiß, was Effizienz bedeutet. Vier Buchstaben sind für Petra, die ich nicht kenne, genug. Viele Menschen sind ohne Worte, weil andere sich die Wahrheit zurechtlügen.

Ich hasse Künstler. Im „Morning Echo“ ist Jürgen jetzt zu Gast. Er spricht über die transzendentale Wirkung von Bildern im Allgemeinen. Er meint seine Bilder, aber das ist ja der berühmte Rhetoriktrick. Sprich über etwas Allgemeines und meine dich. Das macht dich bescheiden. Weil mittlerweile jeder Künstler ist, sei einer von ihnen! Komm von der Bühne runter, dann heben sie dich wieder hoch. Die Sendung ist ein großer Erfolg für ihn. Zum Schluss gibt es einen Hinweis auf seine Ausstellung. Ich sehe Jenny’s Salamischnitten. Fast vermisse ich die Poduschengespräche. Die Welt unterhält alles. Mich unterhält es nicht. Der Kühlschrank ist leer. Ich muss bei der Nachbarin rechts zu meiner Wohnung schnorren.

Meine Nachbarin heißt Petra. Wir teilen fast alles, die Gedanken, die Wohnung, die Arbeit. Nur Frau Neuenhof teilen wir nicht. Petra ist sechsundzwanzig und studiert Politik und Soziologie. Die schlaflosen Nächte werden zu philosophischen Orgien. Wir starten in ihrem Wohnzimmer die Revolution und teilen die Revolution über einen Blog mit. Wir sind besser als Assad. Der teilt aus seinem Wohnzimmer Damaskus Bomben mit. Wir erreichen fünf Follower in zwei Monaten. Man gratuliert uns und ermuntert uns, weiterzumachen. Wir sind stolz, machen weiter. Nur schlafen tun wir nicht. Die Revolution schläft nie. Ich rufe bei der Redaktion von „Morning Echo“ an. Ich dringe nicht durch. Später auch nicht. Irgendwann sagt Petra: „So, jetzt muss ich mich wieder um mein Studium kümmern. Ich will nächstes Jahr fertig werden und dann ins Ausland.“ Ich ziehe zurück in meine Wohnung.

„Versuch’s doch mal mit geregelter Arbeit, Gregor!“, sagt Jenny.

„Um das Establishment zu stärken?“

„Um deinen Kühlschrank zu füllen.“

„Ich komme mit dem aus, was ich habe.“

Als sie weg ist, schaue ich mir die Stellenanzeigen an. Dann Frau Neuenhof auf dem Balkon mir gegenüber. Und in der folgenden Woche fahre ich mit einem gestellten PkW frühmorgens raus aufs Land und trage die Nachrichten von gestern weiter. Endlich darf ich um die Mittagszeit schlafen, fragt niemand, was ich so den ganzen Tag treibe. Das hat vorher auch niemand getan, aber es war so ein komisches Gefühl, nicht zu denen zu gehören, die etwas antreibt. Mich treiben jetzt die Nachrichten von gestern an. Ich nenne es Landbildung. Draußen vor den Toren der Großstadt sieht es nämlich ganz anders aus. Da braucht man noch die Nachrichten von gestern. Die sind nicht so schnell da und haben eine andere Perspektive.

Die Revolution in Petras Wohnzimmer zieht aus. Sie zieht nach England. Ich erwische sie noch, als die Möbelpacker den letzten Schrank treppenabwärts heben.

„Und? Möchtest du weiter am Projekt arbeiten?“

„Wer an der Wahrheit arbeitet, wird zum Fälscher!“, antworte ich.

„Also keine Revolution?“

„Eine Revolution ohne Menschen ist nicht möglich.“

„Bin ich jetzt die Verräterin?“

„Nein, du kannst machen, was du möchtest. Du bist ein freier Mensch.“

„Aber wenn alle frei sind, sammelt sich auch nichts.“

„Das stimmt. Jeder muss eben auch irgendwie leben.“

„Wenn man einen leeren Kühlschrank, ist das leider brotlose Kunst. Wirst du jemals noch einen Roman schreiben?“

„Nein. Nur noch Kurzgeschichten.“

Wir umarmen uns und verabschieden uns. Die Revolution zieht nach England weiter, aber auch dort wird sie sich nicht ausregnen.

Eines Nachmittags, Jenny und Petra sind Vergangenheit, bin ich auf der letzten Seite der Embryographie angelangt. Aber ist das jetzt die Wahrheit über die Band? Gibt es nicht unendlich viele bei über vierhundert Musikern, die da im Laufe von fast fünfzig Jahren mitgespielt haben? Und ist ihre Musik nicht viel näher an der Wahrheit als Worte über sie und von ihnen? Wozu das Buch? In der Münchener Freiheit ist nichts wahr und alles erlaubt, was Kunst ist. Ist mein Text Kunst? Eine Sache der Bewertung. Wie der Dreck unter dem Nagellack von Jenny. Ich mache einen Gedankenstrich und lege das Skript zurück in die Schublade. Nachrichten richtet man auch nachher. Deswegen ist nie etwas abgeschlossen, alles im Werden, im Großen wie im Kleinen.

Im „Morning Echo“ behauptet eine Frau, die eine Koryphäe in der Genderforschung ist, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau kulturell konstruiert seien. Ich horche auf. Allein die Unterscheidung der bestimmten Artikel im Deutschen nach Maskulinum, Femininum und Neutrum habe einen so nachhaltigen Eindruck in unserer Gesellschaft hinterlassen, dass Mann und Frau sich deshalb weiterhin rollenkonform verhalten und Tiere von Menschen wie Sachen behandelt werden. Heißt es nicht die Sache?, frage ich mich. Sie führt weiter aus, dass wir in Wahrheit alle Lebewesen seien. Habe ich das nicht auch vorher gewusst?, frage ich mich. Und der wahre Mensch sei bisexuell veranlagt. Bin ich Heterosexueller eine Lüge?, frage ich mich. Ich schalte das Radio aus und frage mich, was alle diese Wahrheiten mit mir machen. Wahrscheinlich entführen sie mich in eine nächste Welt voller Lügen, wenn ich nicht selbst frei denke.

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