Vlotho – Umsonst und Draußen – Live – Kultur

Embryo war mit anderen Bands eine der Initiatoren der „Umsonst und Draußen“-Festival-Kultur, die 1975 in Vlotho begann. Kurze Zeit später setzte sich diese Bewegung auf breiter Ebene durch, und es ist schön, dass viele Festivals deutschlandweit diesen Spirit behalten haben.

Vlotho 1977 fand vom 1. -3. Juli 1977 statt – Bildquelle Embryo

Probleme gab es immer wieder. Zu Beginn hatten sich einige Organisatoren haushoch verschuldet. Auch Sicherheitsgründe, die bei nahezu 70 000 Besuchern aufkamen, bedrohten immer wieder die Existenz des Festivals. Auf dem Titelbild sieht man Christian Burchard und Marty Cook 1993. Man kann allen Organisatoren vor Ort nur danken, dass sich dieses großartige Festival bis heute gehalten hat.

Embryo live in Vlotho 1993 – Bildquelle: Norbert Kaase


Embryo live auf den Weserwiesen 1993 war ein einzigartiges Ereignis

Ich erinnere mich noch gut an ein Konzert von Embryo irgendwann im Jahr 1993. Es war in Gelsenkirchen, in irgendeinem alternativen Laden in Nähe der Trabrennbahn. Ich fuhr da alleine hin, weil es unter der Woche war, keiner der Freunde mitkonnte, und…weil mich die Band zuvor auf dem Umsonst & Draußen-Festival in Vlotho, das sie 1975 selbst mit zum Leben gerufen hat, total vom Hocker gehauen hatte.  Ja, Vlotho 1993 – das Konzert ist mir als unbeschreiblich intensiv in Erinnerung geblieben. Ich meine, die Band hat als letztes irgendwann nachts gespielt, und der Tag zuvor war für mich hart gewesen. Zu viel Alkohol. Ich habe nicht gedacht, dass irgendeine Faser meines Kopfes noch aufnahmefähig wäre. Wenn die Band nicht Embryo geheißen hätte, ich hätte im Zelt geschlafen. Ich befürchtete nämlich, dass dann Spott der Freunde hereingebrochen wäre, nachdem ich allen tagelang zuvor euphorisch vorgeheult hatte, ich fahre allein wegen Embryo auf das Festival. Meine müden Augen standen also in jener Nacht im Pulk einer Masse, die ich nicht kannte und auch nicht kennenlernen wollte, und ich war nicht wirklich unter den Lebenden. Aber dann begannen Marty Cook auf der Posaune und Chris Karrer an der Oud/Violine, Christian Burchard auf dem Vibraphon sowie Dieter Serfas an den Drums zu spielen. Und so etwas habe ich zuvor noch nie gehört. Der Sound blies mir jeglichen Restalkohol weg, und ich war plötzlich hellwach und drängte unter zigfachen „Ey‘s“ von hinten zum Mann mit dem schmalen Schnäuzer: Chris Karrer. Kinder tanzten ausgelassen neben und vor ihm auf der Bühne. Ein faszinierendes Bild, eine faszinierende Stimmung und ein Groove, bei dem man sich gleich verliert und dabei alles gewinnt. Wieder dieser magische Embryo-Moment, wieder dieses Gefühl, in einem musikalischen Paradies zu sein. Danke an Norbert Kaase für diese unvergesslichen Aufnahmen…https://www.youtube.com/watch?v=EeuGtvDVpE4

Gelsenkirchen und Chuck Henderson 1993

Mit diesen Eindrücken fuhr ich also Wochen später zum Embryo-Konzert nach Gelsenkirchen. Ich kam wegen einer langweiligen, linguistischen Vorlesung in Münster später an und war doch noch zu früh vor Ort. Die Band baute gerade ihre Instrumente auf. Etwa dreißig Leute waren da. Viele unterhielten sich noch gemütlich im Vorraum und tranken Bier oder Kaffee. Ich stand mit wenigen vor der Bühne und suchte nach Marty Cook. Als die Band schließlich auf der Bühne ihre Instrumente stimmte, dachte ich: Scheiße, Marty Cook ist wohl nicht dabei. Irgendwie war ich damals noch in einem anderen Film, dachte, es müsste bei Embryo doch so etwas wie eine komplette Stammformation geben. Egal. Dann sah ich einen schwarzen Musiker, der mir immer wieder freundlich zulächelte. Chuck Henderson. Ich lächelte zurück, in meinem Kopf noch diese dämliche linguistische Vorlesung über Frikativ- und Gutturallaute. „Fun?“, fragte er mich plötzlich, als er wohl wieder einen kurzen Schatten in meinem Gesicht sah. „Fun“, antwortete ich verlegen ertappt. Ich verließ endlich meine Vorlesung und kam an. Hendersons freundliches Lächeln hatte mir rechtzeitig die Ohren geöffnet. Er bewegte anschließend sein Saxophon wie ein Baby von links nach rechts und dann ging es los. Was ich in über zweieinhalb Stunden zu hören bekam, war ein weiteres Erweckungserlebnis. Das Konzert war so anders als das Wochen zuvor beim Festival in Vlotho. Noch jazziger, noch orientalischer, noch aufregender. Noch, noch…

Chuck Henderson (dritter von rechts) – Bildquelle:Embryo

Mir wurde endgültig klar. Diese Band ist etwas ganz Besonderes, Einzigartiges. Egal, wer spielt…, egal, was gespielt wird. Es ist die Neugier am Zusammenspiel mit außergewöhnlichen Instrumenten, die Lust immer neue Klangebenen zu erreichen – und alles verbunden mit ihren Weltreisen. Ich verstand, dass ihre Musik immer auf dem Weg liegt und nie ein Ziel hat, dabei kaum eine Richtung ausschließt, die kulturell so vielfältigen Musiktraditionen inkludiert und so eben Weltenmusik ist.

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